Leben. Lernen. Weitergehen...

Der Blog der Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Siegen

Zukunft per Post? Die sieben Sendschreiben aus der Johannesoffenbarung. Vortrag Pfarrer Dr. Martin Klein

25.7.2026

Die sieben Sendschreiben der Johannesoffenbarung (Offb 2–3) gehören zu den bekanntesten und zugleich am häufigsten missverstandenen Texten des Neuen Testaments. Wie lassen sie sich heute lesen, ohne ihre Bildsprache zu vereinfachen oder vorschnell zu aktualisieren?

 

Dieser Frage ging Pfarrer Dr. Martin Klein (Klafeld) bei einem Seminarabend von Erwachsenenbildung und ESG am 23. Juli nach. Sein Vortrag eröffnet fundierte Zugänge zu den historischen, literarischen und theologischen Hintergründen der Sendschreiben.

 

Passend dazu steht auch der Predigtsommer 2026 in der Martini-Kirche Siegen ganz im Zeichen der sieben Sendschreiben. Mit freundlicher Genehmigung des Autors stellen wir das Vortragsskript hier zum Nachlesen zur Verfügung.

 

Die sieben Sendschreiben

 

Die so genannten sieben Sendschreiben in der Offenbarung des Johannes sind Briefe inner­halb eines Briefes. Denn die Offenbarung ist insgesamt als Brief konzipiert. Nach einer Über­schrift (1,1-3) beginnt sie mit einem Präskript (1,4-8), das dem Muster der (älteren) Paulus­briefe folgt. Es nennt den Absender und die Empfänger und enthält einen Gruß, der deutlich länger und feierlicher ausfällt als meistens bei Paulus (vgl. aber Röm 1,1-7). Und ganz am Ende (22,21) steht auch wieder ein kurzer Schlussgruß: „Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ Nach der Schilderung der eröffnenden Vision (1,9-20) folgen die sieben Sendschrei­ben als erster Hauptteil (2,1-3,22). Sie heben sich durch ihren brieflichen Charakter von den vorangehenden und folgenden Visionsschilderungen ab, sind aber durch Stichworte und The­men mit ihnen eng verbunden.

Die Sendschreiben sind alle gleich aufgebaut: Sie beginnen mit einem Schreibbefehl. Darauf folgt eine Botenformel, die umschreibend den Auftraggeber nennt. Dann folgt eine Parä­nese, eine Ermahnung mit Lob und Tadel, anknüpfend an die Situation der jeweiligen Ge­meinde. Das Ganze schließt mit einem Aufruf zum Hören („Weckruf“) und einer Verheißung („Überwinderspruch“), ab dem vierten Schreiben in umgekehrter Reihenfolge.

 

1. Der Schreibbefehl

 

Er ist immer gleich formuliert: „(Und) dem Engel der Gemeinde X schreibe:“.

 

1.1. Was wissen wir über den, der diesen Auftrag erhält?

 

Der Verfasser nennt sich schlicht Johannes (1,1.4.9; 22,8). Er bezeichnet sich als „Diener Jesu Christi“ (1,1) und als „euer Bruder und Teilhaber an der Bedrängnis und der Königsherrschaft und der Standhaftigkeit in Jesus“ (1,9). Allem Anschein nach ist das sein richtiger Name, und er ist den Gemeinden, an die er schreibt, unter diesem Namen bekannt. Er versteht das, was er schreibt, als „Worte der Weissagung“ (1,3; 22,7.10.18.19) und sieht sich selbst in der Tradi­tion der biblischen und der frühchristlichen Propheten. Dem Namen und auch dem In­halt des Buches nach ist er jüdischer Herkunft und kennt auch noch keine definitive Tren­nung zwischen Juden und Christen. Mehr erfahren wir nicht über ihn.

Die kirchliche Tradition war damit bald nicht mehr zufrieden. Sie identifizierte ihn mit dem Apostel Johannes, dem Sohn des Zebedäus, den sie auch für den Verfasser des Johannes-Evangeliums und der Johannesbriefe hielt, manchmal auch noch mit einem Presbyter Johan­nes aus Ephesus, den der Kirchenvater Papias im 2. Jahrhundert erwähnt (aber vom Apostel Johannes unterscheidet). Das ist aber alles sehr unwahrscheinlich. Wenn die Offb in den 90er Jahren des 1. Jhs. oder noch später geschrieben wurde (s.u.), müsste der Apostel Johan­nes uralt geworden sein. Aus Mk 10,39 lässt sich aber schließen, dass er schon vor 70 als Märtyrer starb. Und der „Jünger, den Jesus lieb hatte“, der Gewährsmann und/oder Verfas­ser des Joh (und der Joh-Briefe), bleibt anonym und ist nicht mit dem Apostel Johannes iden­tisch (Joh 21 nennt beide nebeneinander). Bleibt der Presbyter Johannes. Da würden Zeit und Ort einigermaßen passen, aber unser Johannes kennt (oder akzeptiert) das Presbyter-Amt offen­bar nicht – „Älteste“ gibt es für ihn nur im Himmel (4,4 u.ö.). Außerdem wissen wir auch über diesen Johannes sehr wenig. Wir müssen also bei dem bleiben, was der Verfasser selber über sich preisgibt.

 

Kloster des Heiligen Johannes des Theologen, Patmos (Foto: M. Klein)

1.2. Was wissen wir über Zeit und Ort?

 

Über den Ort informiert uns Johannes selber (03, 04): Als er seine Offenbarungen empfängt, befindet er sich auf der kleinen Insel Patmos vor der Küste Kleinasiens (1,9), und das Ganze geschieht am „Tag des Herrn“ (1,10), also an einem Sonntag. Niedergeschrieben hat er sie entweder dort oder nach seiner Rückkehr zu seinem Wohnort („ich war auf Patmos“, 1,9). Weil Patmos zur Stadt Milet gehörte und weil Milet, obwohl es dort eine bedeutende christliche Ge­meinde gab (vgl. Apg 20), kein Sendschreiben bekommt, war Johannes vermutlich dort zu Hause, hatte aber einen größeren Wirkungskreis.

 

Die Zeit ist schwerer zu bestimmen. Nach einer alten kirchlichen Tradition entstand die Offb in den letzten Regierungsjahren des römischen Kaisers Domitian (81-96 n.Chr.). Das wären also die frühen 90er Jahre des 1. Jhs. Später hat man gemeint, dass es in dieser Zeit eine allgemeine Christenverfolgung gegeben hat. Diese These lässt sich aber heute nicht mehr halten. Domi­tian regierte zwar mit harter Hand und hatte bei Juden und Christen keinen guten Ruf, weil er wie sein älterer Bruder Titus und sein Vater Vespasian an der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 beteiligt war. Er ging auch bis hinein in die eigene Familie gegen Römer vor, die mit dem Judentum sympathisierten (so der Geschichtsschreiber Dio Cassius). Nach der späteren christlichen Geschichts­schrei­bung waren das Christen, aber selbst wenn, war es keine reichsweite Christen­verfolgung. Wie schon seine Vorgänger ließ sich Domitian vor allem im Osten des Reiches als göttlich verehren und Opfer darbringen. Und Christen, die sich dem Kaiserkult aufgrund ihres Glaubens verweigerten, kamen darüber immer wieder mal mit Nichtchristen und mit lokalen Behör­den in Konflikt. Manchmal gab es dabei auch Tote. Aber die Verhältnisse waren lokal sehr unterschiedlich, wie es auch die Sendschrei­ben zeigen, und es gab keine generelle staatliche Verfolgung. Viele Ausleger datie­ren die Offbarung heute eher an den Anfang des 2. Jhs., als sich die Verhältnisse unter den Kaisern Trajan und Hadrian weiter zuspitzten, wenn auch immer noch nicht zu einer allgemei­nen Verfolgung. Aber was die Offb über „Bedrängnis“ und Verfolgung schreibt, macht diese spätere Datierung nicht notwendig, und vieles passt nach wie vor besser in die 90er Jahre.

Johannes befindet sich auf Patmos „um des Wortes Gottes und Zeugnisses Jesu willen“ (1,9). Traditionell versteht man das so, dass er wegen seiner christlichen Verkündigung auf die Insel verbannt war. Wenn ja, dann war es keine staatliche, sondern eine lokale Maßnahme. Dass Johannes sich als „Teilhaber der Bedrängnis … in Jesus“ bezeichnet (1,9), spricht dafür, dass es so war. Der Wortlaut lässt aber auch zu, dass er zum Verkündigen oder auch zum Empfangen des Wortes Gottes dort war. Vielleicht war es eine Mischung aus allen drei Gründen.

Fragment Statue Kaiser Domitian (Foto: M. Klein)

1.3. Wer waren die Empfänger der Sendschreiben?

 

Schon 1,11 nennt sieben christliche Gemeinden aus der römischen Provinz Asien als Empfän­ger nicht nur der Sendschreiben, sondern der gesamten Offb. Es gab dort noch mehr Gemein­den (auf jeden Fall in Milet, s.o., und in Kolossai, s. Kol). Aber die Siebenzahl ist natür­lich Absicht. Sie bildet auch weiterhin ein Mittel für den Aufbau des Textes (sieben Sie­gel, sieben Schalen, sieben Posaunen …). Ihre Reihenfolge entspricht einer Rundreise von Patmos zuerst nach Ephesus, das am nächsten lag, dann in großem Bogen nach Smyrna, Perga­mon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodikeia.

- Ephesus: Hauptstadt der Provinz, bedeutende, aufstrebende Hafenstadt, Stadt des großen Artemisheiligtums; schon Paulus wirkte dort mehrere Jahre - die älteste der sieben Gemeinden.

Ephesus (Foto: M. Klein)

- Smyrna (heute Izmir): ebenfalls bedeutender Hafen in Konkurrenz zu Ephesus; Homer soll dort die Ilias und Odyssee geschrieben haben > wird mit einem Homereion verehrt

 

- Pergamon: Aufstieg begann unter Alexander dem Großen, unter den Diadochen eigenständi­ges Königreich, das dann 133 v.Chr. als „Asia“ römische Provinz wurde; hatte eine der größten Bibliotheken der damaligen Zeit (> „Pergament“), ein wichtiges Asklepios-Heiligtum und einen bedeutenden Zeus-Tempel > ist der Zeus-Altar, heute in Berlin gerade nicht zu sehen, der „Thron des Satans“ (2,13)? Dieser Ausdruck könnte sich aber auch darauf beziehen, dass Pergamon ein Zentrum des Kaiserkults war.

Pergamon (Foto: M. Klein)

- Thyatira: eher eine unbedeutende Kleinstadt; allerdings kam die Purpurhändlerin Lydia, der Paulus in Philippi begegnete, von dort (Apg 16,14) > hängt die Entstehung der christlichen Gemeinde damit zusammen?

 

- Sardes: hatte seine große Zeit vor 546 v.Chr. als Hauptstadt des Königreichs Lydien (König Krösus!); dann unter persischer Herrschaft Endpunkt der berühmten Königsstraße nach Susa; nach einem schweren Erdbeben 17 n.Chr. mit kaiserlicher Unterstützung wiederaufge­baut  (gilt auch für Philadelphia); schon früh gab es dort eine jüdische Gemeinde.

 

- Philadelphia: erst um 280 v. Chr. gegründet; gehörte zum Bezirk von Sardes.

 

- Laodikeia: alte Stadt, im 3. Jh. v. Chr. nach Laodike, der Frau Antiochos II. umbenannt, be­kannt für seine Thermalquellen (wie das nahegelegene Hierapolis > Pamukkale) und seine medizinische Schule, besonders für Augenheilkunde (> „Augensalbe“, 3,18); christliche Gemeinde wohl von Paulusschüler Epaphras gegründet (Kol 4,12f) > zweitälteste nach Ephesus.

 

1.4. Wer sind die „Engel der Gemeinden“?

 

Diese Bezeichnung ist schwierig zu deuten. Nach 1,20 sind die sieben Sterne, die Christus in seiner Hand hält (1,16) „Engel der sieben Gemeinden“. Danach sind sie eher himmlische We­sen, die man als Repräsentanten, vielleicht auch als „Schutzengel“ der Gemeinden verstehen kann. Dass diese Engel sich in den Sendschreiben teils heftige Kritik anhören müssen, spricht nicht dagegen – es gibt auch anderswo Belege dafür, dass Gott seine Engel tadelt. Wie aber kann ein Mensch wie Johannes an himmlische Wesen Briefe schreiben? Und warum? Lange hat man die Engel deshalb eher als irdische Amtsträger in den Gemeinden verstanden und oft mit Bischöfen gleichgesetzt. Dann übersetzt man das Wort besser mit der Grundbedeu­tung „Boten“. Allerdings ist ein solches Amt sonst nirgendwo belegt, und auch sonst kom­men in der Offb keine festen Gemeindeämter vor. Der Ausleger Martin Karrer schlägt des­halb eine Mischung aus beidem vor, aber auch das befriedigt nicht so recht. Lassen wir es also dabei, dass die Engel bzw. die Boten die jeweilige Gemeinde repräsentieren und dass mit ihnen natürlich die ganze Gemeinde angesprochen wird (deshalb in der Anrede auch Wechsel zwischen 2. Person Singular und Plural).

 

2. Die Botenformel

 

Solche Formeln kennen wir von den atl. Propheten („so spricht der Herr“ o.ä.), sie sind aber auch sonst verbreitet (ta,de le,gei wie hier ist dabei eine Standardformulierung). Sie dienen der Legitimation dessen, was dann gesagt oder geschrieben wird. Hier bezieht sich nun aber die Formel nicht direkt auf Gott, sondern auf Jesus Christus, den auferstandenen und erhöh­ten Sohn Gottes, den Johannes in einer Vision sieht und hört (17). Dass der so direkt mit seinen Gemeinden spricht, ist einmalig im Neuen Testament.

Dabei wird Christus nicht mit Namen genannt, sondern mit je verschiedenen Attributen aus der Vision von Kapitel 1 umschrieben. Diese Attribute rücken ihn sehr nahe an Gott selbst heran („der Erste und der Letzte“). Auch wenn Jesus Christus namentlich in der Offb nur sel­ten vorkommt, hat Johannes also eine sehr hohe Meinung von ihm und betont die himmli­sche Macht, die er als Auferstandener („der tot war und lebendig geworden ist“) und Erhöh­ter besitzt. Seine Autorität ist die volle Autorität Gottes.

 

Man könnte natürlich denken, dass Johannes diese Botenformeln nur gebraucht, um seinen eigenen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. Aber damit würde man ihm, denke ich, Un­recht tun. Er ist durchaus überzeugt, dass die Offenbarungen, die ihm zuteilwerden mit al­lem, was er da sieht und hört, „echt“ sind, dass die „Worte der Weissagung“, die er auf­schreibt wirklich Worte Gottes sind (vgl. Kap. 22). Dass er mit seiner Sprache und seinen Bil­dern stark von der prophetischen und apokalyptischen Tradition des Judentums abhängig ist, steht dem nicht entgegen.

 

3. Die Paränese (Rat, Ermahnung)

 

Jesus Christus weiß bestens Bescheid über seine Gemeinden. Deshalb fängt das, was er über und zu den Gemeinden sagt, immer mit o+ida an – „ich weiß“ oder „ich kenne“. Er sieht da­bei auch alles, was dem äußeren Eindruck verborgen ist und kann deshalb gerechte Ur­teile sprechen.

Was er den Gemeinden sagt, ist je nach Situation sehr verschieden. Für Smyrna und Philadel­phia hat er nur Lob – sie sollen nur dem treu bleiben, was sie sind und haben (2,10b; 3,11).  Bei Ephesus und Thyatira halten sich Lob und Tadel ungefähr die Waage, und gegen Perga­mon hat er nur eine „Kleinigkeit“ (2,14). Trotzdem haben sie Besinnung bzw. Umkehr nötig. Sardes und Laodikeia kommen am schlechtesten weg: Sardes sieht lebendig aus, ist aber so gut wie tot (3,1). Und Laodikeia ist reich und träge geworden – „lau“ im Bild gesprochen und damit ungenießbar (man denke an die heißen Quellen am Ort!). Trotzdem werden auch diese beiden nicht aufgegeben, sondern haben noch die Chance zum „Aufwachen“ (3,2) und zur Umkehr. Falls die ausbleibt, droht den Gemeinden allerdings Schlimmes – die nächsten Kapitel schmücken es weiter aus.

Immer geht es um Treue und Standhaftigkeit in der Bedrängnis, um Bewährung des Glau­bens in Werken der Liebe und um Widerspruch und Abgrenzung von falschen Lehren und Götzendienst. Auf Einzelheiten kann ich jetzt nicht näher eingehen. Nur zwei Dinge seien noch kurz angesprochen:

 

3.1. Wer sind die „Irrlehrer“, die die Sendschreiben erwähnen?

 

In fast allen Sendschreiben kommen Einzelne oder Gruppen vor, die falsche Lehren und Prakti­ken verbreiten und von denen die Gemeinden sich distanzieren sollen. Sie tragen unter­schiedliche Namen: „Nikolaiten“ (Ephesus und Pergamon), „Lehre Bileams“ (Perga­mon), „Isebel“ als falsche Prophetin (Thyatira) und angebliche Juden, die eine „Versammlung des Satans“ bilden (Smyrna und Philadelphia). „Isebel“ und „Bileam“ scheinen zusammen­zugehö­ren: beide halten sich nicht an Regeln, die auch das sog. „Aposteldekret“ festhält (Apg 15,29): Sie verzichten nicht auf Opferfleisch aus heidnischen Tempeln und haben nichts gegen Ehen zwischen Christen und Heiden (das ist wohl mit der „Unzucht“ gemeint). Hier zeigt sich nochmal die judenchristliche Prägung der Offb. Die Nikolaiten gehen wahrschein­lich auf Nikolaos, einen der sieben Diakone (Apg 6,5), zurück. Sie sind von den zu­vor Genannten zu unterscheiden, aber wir erfahren nichts Näheres über sie. Die Äußerungen zur „Versammlung (sunagwgh,) des Satans“ hat man früher gern antijüdisch interpretiert. Aber es heißt ja, dass ihre Mitglieder nur jüdisch tun, aber es nicht sind. Wahrscheinlich sind Nichtjuden gemeint, die sich vom Ein-Gott-Glauben des Judentums angezogen fühlen, aber nicht bereit sind, auch jüdisch zu leben. Dass ist in den Augen des Johannes, der wie gesagt, noch keine definitive Trennung von Christen und Juden kennt, Lüge und Heuchelei, von der die Gemeinden sich nicht anfechten lassen sollen. Philadelphia bekommt zudem verheißen, dass sich Teile dieser Gruppierung zur christlichen Gemeinde hinwenden werden (3,9).

 

3.2. Abschied vom heiligen Antipas?

 

In den gängigen Ausgaben des griechischen Textes und auch in den meisten Übersetzungen kommt im Schreiben an Pergamon ein gewisser Antipas vor, der als „treuer Zeuge“ den Märtyrer­tod erlitten hat (2,13). Später hat man auch eine entsprechende Legende dazu er­zählt, und vor allem in den Ostkirchen wird er als Heiliger verehrt. Allerdings: Es hat ihn wohl nie gegeben, jedenfalls nicht mit diesem Namen. Es war schon immer ein Problem, dass er im falschen Kasus da steht (Nominativ statt Genitiv). Und inzwischen hat im Zuge einer umfangrei­chen Neuausgabe des Textes noch mal jemand in die zuverlässigste erhaltene Hand­schrift der Offb, den Codex Alexandrinus (A) geschaut und festgestellt, dass da nicht ANTIPAS sondern ANTEIPAS steht. Das ist aber kein Name, sondern eine Verbform: „du hast widersprochen“ (statt EI konnte man im späteren Griechisch auch I schreiben, weil es so ausgesprochen wurde). Also hat wohl die Gemeinde bzw. jemand aus ihr Widerspruch erhoben gegen die Verehrung des „Satansthrons“ und ist dafür umgebracht worden. Wie dieser „treue Zeuge“ hieß, wissen wir dann aber leider nicht.

 

Diese Einzelheit wirft ein Schlaglicht auf die besondere Situation der Textüberlieferung der Offb (18). Weil sie im griechischsprachigen Osten kein hohes Ansehen besaß, gibt es nur relativ wenige Handschriften mit dem griechischen Original-Text. Dazu kommt, dass Erasmus von Rotterdam für seine Druckausgabe des griechischen NT von 1516 nur eine einzige, nicht beson­ders gute Handschrift zur Verfügung stand, bei der obendrein der Schluss fehlte, den er dann aus der lateinischen Bibel zurückübersetzte. Sie enthält also gerade in der Offbarung viele Fehler. Allerdings war seine Ausgabe diejenige, die sowohl Martin Luther als auch die engli­sche King-James-Bibel für ihre Übersetzungen benutzten. Wegen der Bedeutung dieser Überset­zungen für ihre jeweiligen Kirchen wirken deshalb viele Fehler der Erasmus-Ausgabe bis heute nach. Das heutige NT Graece geht wiederum auf die Ausgabe von Konstantin von Tischendorff aus dem 19. Jh. zurück. Der hatte eine Vorliebe für den Codex Sinaiticus (a), den er selbst im Katharinenkloster am Berg Sinai gefunden hatte. Aber durch  den Ver­gleich mit alten Handschriften auf Papyrus, die erst im 20. Jh. entdeckt wurden (besonders P47), hat sich herausgestellt, dass der Codex Alexandrinus – anders als in anderen Büchern des NT – in der Offb einen deutlich besseren Text liefert als der Sinaiticus. In der Offb hat sich dadurch in letzter Zeit am Text und damit auch an der Auslegung mehr geändert als bei anderen bibli­schen Büchern.

 

4. Der „Weckruf“

 

Er lautet in allen Sendschreiben genau gleich: „Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemein­den sagt.“ Nur steht er bei den ersten drei vor dem Siegerspruch, bei den anderen vier danach. Johannes nimmt also für das, was er schreibt, Inspiration durch den Heiligen Geist in Anspruch. Und er erweitert durch den Weckruf den Kreis der Empfänger über die sieben Gemeinden der Asia hinaus, weil er alle anspricht, die „Ohren haben, zu hören“ (vgl. Mt 11,15!).

 

5. Die Verheißung für die Sieger

 

Am Schluss aller Sendschreiben – vor oder nach dem Weckruf – steht eine Verheißung für den „Sieger“ (o nikw/n). Es ist der allgemein übliche Ausdruck für einen Sieger in der Schlacht, beim Sport oder auch bei einem Musikwettbewerb. Luthers Übersetzung mit „wer überwin­det“ (KJV: „him that overcometh“) ist also zu speziell. Es geht durchaus um einen Siegespreis, der denen verheißen wird, die dem Glauben treu bleiben. Sprachlich nehmen diese Sprüche viele Bilder auf, die später in der Offbarung wiederkehren (Baum des Lebens: 22,2.14.19; zweiter Tod: 20,6; ein Name, den nur sein Träger kennt: 19,12; „weiden mit eisernem Zepter“ nach Psalm 2: 12,5; 19,15; Morgenstern: 22,16; weiße Gewänder: 6,11; Name im Buch des Lebens: 13,8 u.ö.; neues Jerusalem: 21,2). Sie und die Sendschreiben wurden also wohl erst nach Kap. 4-22 geschrieben, aber vom gleichen Verfasser.

 

6. Zum Charakter der Offenbarung als Ganzer

 

Die Offb nimmt Einflüsse aus verschiedenen Richtungen auf, vor allem aber steht sie im brei­ten Strom der jüdischen Apokalyptik, wie sie sich vor allem im Buch Daniel, im syrischen und äthiopischen Henochbuch und im 4. Esrabuch niederschlägt. Auch in anderen ntl. Schriften sind diese Einflüsse zu finden (z.B. in den „Apokalypsen“ der synoptischen Evangelien).

Als wichtigste Kennzeichen einer apokalyptischen Schrift gelten die Schilderungen himmli­scher Gegebenheiten und künftiger Ereignisse in Visionen, die von einer himmlischen Gestalt (meist einem Engel) gedeutet werden und die dahinter stehende Vorstellung zweier aufeinan­der folgender Äonen („Weltzeiten“). Der gegenwärtige Äon ist dabei geprägt von zunehmender Not und vom Leiden und der Bedrängnis der Gerechten, entweder dem wah­ren Israel und/oder der christlichen Gemeinde. Er läuft immer schneller auf sein Ende zu und ist dem Vergehen nah. Auch alle Gottlosen und Frevler werden dann vernichtet. Entspre­chende Zeichen gilt es zu beachten. Der kommende Äon dagegen ist die neue Welt Gottes, die anbricht oder sich vom Himmel her auf Erden durchsetzt, wenn der alte Äon vergeht. Ihm geht in der Regel die Auferstehung der Toten voran, jedenfalls der „Gerechten“ unter ihnen. Gemeinsam mit denen, die noch da sind, leben sie nun ewig in der neuen Welt Got­tes.

All das findet sich auch in der Offenbarung des Johannes. Allerdings ist sie interessanter­weise nicht nur die erste christliche Apokalypse, sondern auch die erste, die auch so heißt (1,1) und damit der ganzen Apokalyptik ihren Namen gegeben hat. Zugleich ist sie die einzige Schrift dieses Namens, die wirklich eine Apokalypse im beschriebenen Sinne ist (spätere „Apoka­lypsen“ schmücken eher biblische Geschichten aus, z.B. das Leben Adams und Evas). Und sie stammt als einzige von einem Verfasser der Gegenwart, der seinen eigenen Namen nennt und nicht – angeblich – von einer biblischen Figur der Vergangenheit (Henoch, Baruch, Esra usw.). Damit ist die Offb in vieler Hinsicht einzigartig. Auch das erklärt neben der bleibenden Faszination ihrer Bildwelten die große Wirkung, die diese Schrift entfaltet hat, obwohl es auch immer wieder Kritiker gab, die ihren Platz in der Bibel in Frage gestellt haben (u.a. Martin Luther).

 

Hier geht es zu einer Übersichtsdarstellung der sieben Sendschreiben - übersetzt von Martin Klein (PDF-Download). 

 

Hier steht der gesamte Vortragstext zum Download bereit. 

 

Der vorliegende Vortrag basiert v.a. auf: Karrer, Martin: Johannesoffenbarung. Teilband 1, Ostfildern, 2017).

 

Pfarrer Dr. Martin Klein ist seit 2007 Gemeindepfarrer der Ev. Ref. Kirchengemeinde Klafeld. Er studierte Evangelische Theologie in Marburg und Tübingen und promovierte anschließend an der Ruhr-Universität Bochum im Fach Neues Testament, wo er mehrere Jahre als wissenschaftlicher Assistent tätig war. Er ist Vorsitzender des Theologischen Ausschusses des Evangelischen Kirchenkreises Siegen-Wittgenstein. Der Ausschuss berät Kreissynode und Kreissynodalvorstand in theologischen Fragen und erarbeitet Stellungnahmen zu aktuellen kirchlichen Themen.

 

 

zurück zur Übersicht

get connected