Leben. Lernen. Weitergehen...
Der Blog der Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Siegen
Freude finden in einer aus den Fugen geratenen Welt
6.3.2026

Vortrag Frauenfrühstück in Alchen am 28. Februar 2026
von Heike Dreisbach
I. Freude finden?
Heute Morgen muss wohl keine lange nach der Freude suchen… Mir ist jedenfalls das Herz aufgegangen…
Schon als ich hier angekommen bin….
Ich bin so nett begrüßt worden,
schon im Eingang hat es nach Kaffee geduftet und nach frischen Brötchen,
Dazu dieses fröhliche Stimmengewirr,
Und im Saal, alles wundervoll dekoriert, die Tische festlich und frühlingshaft geschmückt…
Die Musik, das großartige Buffet, das wir gerade genossen haben -
Wenn so viele Frauen es sich gemeinsam schön machen, dann fällt einem die Freude wie ein reifer Apfel geradewegs in den Schoß.
Mir jedenfalls geht das gerade so.
Und gleichzeitig wissen wir alle:
Es gibt auch andere Tage.
Die an denen ich morgens aufwache – und noch bevor ich richtig wach bin, rattert es schon in meinem Kopf: Was steht heute an, was muss ich alles schaffen?
Viele von uns leben im Dauer-Modus von Verantwortung.
Für Familie.
Für Beruf.
Für Eltern.
Für Gemeinde.
Für Freundschaften.
Für das große Ganze.
Und dann die Weltlage.
Krisen. Kriege. Klimafragen. Gesellschaftliche Spannungen.
Digitale Dauerpräsenz.
Meinungsdruck.
Ich finde es wichtig, gut informiert zu sein. Unsere Demokratie lebt davon, dass wir das sind.
Aber wer sagt das eigentlich, dass ich zu jedem Aspekt des Weltgeschehens eine Meinung haben muss?
Zu jedem Konflikt?
Zu jeder politischen Entwicklung?
Zu jedem Thema?
Nein. Ich muss nicht zu allem eine Meinung haben.
Selbstverständlich nicht.
Es klingt seltsam, aber mir hat das sehr viel gebracht, mir das klarzumachen.
Ich bin von Natur aus neugierig und bin politisch sehr interessiert - beste Voraussetzungen also, um Nachrichten-Junkie zu werden. Und das bei der Fülle an tollen Informationsmöglichkeiten, Podcasts und was weiß ich nicht noch alles. Und gerade, wenn mich eine Nachrichtenlage sehr bedrängt, dann bekomme ich nicht selten ein richtig schlechtes Gewissen, wenn ich mich emotional auf etwas anderes, Leichteres einlasse.
II. Freude - wovon sprechen wir überhaupt?
Es ist hilfreich, uns zunächst zu vergegenwärtigen, worüber wir überhaupt sprechen, wenn wir von „Freude“ reden.
Freude, so das Philosophie-Magazin, ist „eine lebhafte Emotion,
häufig begleitet von einem Gefühl der Erfüllung, das der Einzelne erlebt, wenn seine Wünsche und Bedürfnisse erfüllt werden.
Die Freude unterscheidet sich (…) vom Vergnügen durch ihre Dauer und Intensität, aber auch vom Glück, das eher ein Ideal darstellt. (...) In ihren Erscheinungsformen ist sie (die Freude) daher überschwänglich.“ [1]
Freude ist also eine Emotion, ein Gefühl.
Und die Fachdisziplin für Gefühle ist die Psychologie. Schauen wir also, was wir dort erfahren. Ein Psychologie-Lexikon definiert Freude wie folgt:
„Freude ist eine pos. Emotion, die im mimischen Ausdruck (also in unserem Mienenspiel) kulturübergreifend (also überall auf der Welt) gezeigt und erkannt wird und deshalb oft zu den Basisemotionen gezählt wird.
In der Mimik zeigt sich Freude häufig durch ein Lächeln oder Lachen und wird anders als Wohlbefinden durch konkrete Situationen oder Ereignisse ausgelöst“.[2]
Das finde ich sehr spannend: Freude ist etwas, was uns Menschen verbindet. Egal wo wir leben und in welcher Kultur wir aufgewachsen sind. Ein freundliches Lächeln wird überall verstanden.
Um Freude geht es auch in der Bibel. Ziemlich oft sogar. Das deutsche Wort „Freude“ findest sich 199 Mal in der Lutherbibel. Hinzu kommen die ebenfalls häufig verwendeten, mit der „Freude“ verwandten Verbformen wie freuen oder fröhlich sein.
Freude ist also auch ein wichtiger biblischer Begriff. Im Alten Testament gibt es mehre Worte, die sich - mit teils kleinen Nuancen -, mit dem unserem deutschen Wort „Freude“ übersetzen lassen:
שִׂמְחָה „simcha“ (da steckt oft eine spezielle Freude dahinter, nämlich eine festliche Freude, die man z.B. bei einer Hochzeit empfindet, aber eben auch bei einem Anlass, wie wir ihn gerade erleben).
Oder ששון „sasson“: Das betont mehr die Fröhlichkeit, dieses heitere, entspannte Gefühl, wenn wir fröhlich sind.
Oder: גִּיל „gil“: Das ist eher die Freude, die man hören kann, die jubelnde, überschäumende Freude. Wir kennen das Wort „Frohlocken“.
Oder חֶדְוָה „chädwah“ - damit ist ursprünglich eine tiefe Freude gemeint, die einen in Bewegung versetzt. Die einen gewissermaßen tanzen und springen lässt. Eine Freude, die dazu auch eine innerlich tiefe Bewegung auslöst.
חֶדְוָה „chädewah“ ist die Freude, die Gott selbst empfindet[3].
Etwa, wenn Gott sagt: „Und siehe, es war sehr gut“[4].
Oder denken wir auch an die Freude, von der Jesus spricht, wenn er sagt, „und es wird Freude im Himmel sein über einen Sünder der umkehrt, mehr als über 99 Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen.“[5] Da wo Jesus das sagt, im Lukasevangelium, im Neuen Testament steht dieser Satz allerdings auf Griechisch. Und dort ist von der Χαρά „chara“ die Rede, der Begriff für Freude im Griechischen schlechthin. Χαρά - damit ist tiefe Herzensfreude gemeint, ein Gefühl des Geborgenseins, jemand strahlt Freude aus. Wenn im Neuen Testament von einer Freude die Rede ist, die auch in schwierigen Zeiten Bestand hat, dann ist eigentlich immer von Χαρά die Rede. Χαρά kann ich also auch, so paradox es klingt, mitten im Leid erleben.
Einzelübung: Zu alledem ließe sich noch sehr viel sagen. Aber wir wollen all das jetzt auf uns selbst übertragen und uns überlegen, jede für sich:
- Was ist Freude für mich?
- Was meine ich, wenn ich von „Freude“ spreche?
- Und: Wann habe ich in den letzten Tagen echte Freude gespürt?
Nicht Pflichtgefühl. Nicht Ablenkung.
Sondern Freude. Echte Freude.
Darüber wollen wir jetzt nachdenken:
Also: Was ist Freude für mich?
Was meine ich, wenn ich von „Freude“ spreche?
Und: Wann habe ich in den letzten Tagen echte Freude gespürt?
Dafür gönnen wir uns nun eine Minute Stille.
.........................................
Ja, Was ist Freude für mich?
Wann habe ich in den letzten Tagen echte Freude gespürt?
Vielleicht war es eine Begegnung, ein Gespräch.
Ein Lied. Dass die Vögel jetzt morgens wieder so richtig laut und munter zwitschern und singen.
Freude ist etwas Wunderbares.
Aber manchmal ist sie wie verschüttet.
Wir wollen heute Vormittag miteinander auf die Suche gehen.
Nicht nach oberflächlicher Heiterkeit.
Sondern nach tragfähiger Freude –
Auch wenn die Welt ist, wie sie ist.
III. Freudenräuber erkennen
Wir haben eben gefragt:
Wann habe ich zuletzt echte Freude gespürt?
Jetzt drehen wir die Frage ein Stück weiter.
Was raubt mir diese Freude?
Freude verschwindet ja selten von einer Sekunde auf die andere, obwohl es das auch gibt, das sind dann besonders brutale Freudenräuber…
Meist ist es so, dass die Freude irgendwie versickert.
Und manchmal merken wir erst spät, dass sie uns abhandengekommen ist. Vorhin habe ich von mir selbst schon ein Beispiel erzählt. Aber nun denke ich, ist es gut, uns gemeinsam auf Spurensuche zu begeben.
Vielleicht erst einfach so zu viert vielleicht – mit den Frauen neben euch und Euch gegenüber. Zehn Minuten. Die Frage ist schlicht:
- Was sind meine typischen Freudenräuber?
- Was stellt sich immer wieder zwischen mich und die Freude?
........................................
Vielleicht sammeln wir einmal – einfach hineinrufen.
Was habt ihr entdeckt?
Was habt Ihr herausgefunden zu dieser Fragestellung?
Was sind Eure typischen Freudenräuber?
................................
Ich höre – oder ergänze einmal:
Dauerverantwortung.
Dieses nie ganz fertig sein.
Selbst wenn ich sitze, läuft innerlich die To-do-Liste weiter.
Ich könnte noch …
Ich sollte noch …
Ich müsste eigentlich …
Freude aber braucht manchmal Zweckfreiheit.
Und die ist im Dauerverantwortungsmodus schwer zu finden.
Ein weiterer Freudenräuber:
Digitale Überfrachtung.
Dieses ständige Informiertsein.
Nachrichten, Kommentare, Empörungsschleifen.
Das Handy als Verlängerung unseres Nervensystems.
Unser Herz kommt kaum noch zur Ruhe.
Und ein überreiztes Herz spürt Freude nur gedämpft.
Dann:
Vergleich und Selbstoptimierung.
Wir leben in einer Kultur, die uns ständig zuflüstert:
Da geht noch was.
Du kannst noch besser, noch fitter, noch gelassener, noch erfolgreicher sein.
Und gleichzeitig grinst uns aus Postings und Kalendern entgegen: „Don’t worry, be happy.“
Als wäre Glück eine moralische Pflicht.
Als wäre Traurigkeit ein persönliches Versagen.
Damit sind wir beim nächsten Punkt:
Der Druck, happy sein zu müssen.
Das gibt es sogar im frommen Gewand.
Müsste ich nicht eigentlich viel, viel dankbarer sein?[6]
Und dann gibt es diesen Satz, den viele von uns tief verinnerlicht haben:
„Freu dich nicht zu früh.“
Kennt ihr das? Kaum kommt etwas Gutes, meldet sich innerlich die Stimme:
Warte ab. Da kommt bestimmt noch was dazwischen…
Als müssten wir das Glück klein halten,
damit es uns nicht genommen wird.
Und schließlich – und das sage ich ganz bewusst:
Es gibt Zeiten von Depression und Erschöpfung.
Zeiten, in denen Freude nicht einfach aktiviert werden kann.
Nicht durch einen guten Vorsatz.
Da hilft kein Bibelvers, kein schöner Song.
Das ist keine Glaubens- oder Charakterschwäche.
Das ist menschliche Wirklichkeit.
Eine Realität.
Was dann gebraucht wird, ist Verständnis.
Und manchmal braucht es auch ärztliche Hilfe, therapeutische Begleitung, und sehr, sehr viel Geduld.
Freude wächst nicht durch Verdrängung.
Sie wächst nicht, indem wir Dunkelheit wegdrücken.
Sondern indem wir ernst nehmen, was der Freude im Weg steht.
Denn wahr ist wohl auch:
Nur wer auch durch dunkle Gefühle geht,
wer Trauer nicht wegschiebt,
wer Ohnmacht aushält,
lernt, feine Töne wahrzunehmen,
wird empfindsam für echte Freude.
Es ist wie bei einem Cello oder einer Geige: Sie klingt nicht, weil sie so schön aussieht, sondern weil ihre Saiten gespannt sind. Und sie ins Schwingen geraten, wenn sie mit dem Bogen gestrichen werden. Dann entstehen Klang, Resonanz, hohe und tiefe Töne, ein Rhythmus, eine Melodie…
Wenn ich getrauert habe,
dann spüre ich, wie gut Trost tut.
Wenn ich mich ohnmächtig erlebt habe,
dann ahne ich, wie stark Hoffnung tragen kann.
Freude steht nicht im Gegensatz zur Wirklichkeit.
Sie flieht nicht vor ihr.
Sie hält stand.
Sie gibt Kraft – genau dort, wo das Leben schwer wird.
Und damit sind wir bei dem Teil unseres Themas für heute Morgen, der für uns alle leider keine Theorie mehr ist, sondern von uns allen geteilte Realität.
Wir müssen uns das nicht theoretisch vorstellen, wie das wäre, wenn unsere Welt aus den Fugen gerät.
Wir wissen es. Mindestens seit Corona, seit Russland die Ukraine überfallen hat im Februar 2022. Seit dem fürchterlichen Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 und dem, was darauf folgte … und damit will ich es bewenden lassen, jeder von uns fallen mühelos noch weitere Stichworte dazu ein.
So viel hat sich verändert. Und ja nun wahrlich nicht zum Guten. Auch bei uns.
Und all die anderen Krisen, mit denen wir auch vorher schon genug zu tun hatten, die sind ja nicht verschwunden, nur, weil neue dazugekommen sind.
Ich will hier einen Punkt machen. Denn all das hören wir, wie gesagt, jeden Tag oft genug.
Ja, wir wissen, wie sich das anfühlt,
wenn die Welt aus den Fugen gerät. Die große Welt, und für viele von uns haben auch schon erlebt oder erleben es gerade, dass auch die ganz persönliche Welt aus den Fugen geraten kann.
Und genau dann stellt sich die Frage neu:
- Was trägt?
- Was hält, wenn Sicherheiten wanken?
- Wo kann ich neue Kraft schöpfen,
wenn ich merke: Ich allein stemme das nicht?
IV. Wie die Freude zur Kraftquelle werden kann. Nehemias Geschichte
Wie die Freude zu einer Kraftquelle werden kann, davon erzählt das biblische Buch Nehemia. Es handelt von der Rückkehr der der sechzig Jahre zuvor ins Exil nach Babylon verschleppten judäischen Oberschicht.
Dazu ist es gut zu wissen: Es ist diesen meist sehr gut ausgebildeten Fachleuten und ihren Familien dort in Babylon bei weitem nicht so schlecht gegangen, wie man sich das ja auch vorstellen könnte.
Im Gegenteil, viele von den nach Babylon Verschleppten konnten sich dort ein neues, zum Teil sogar richtig gutes Leben aufbauen, hatten zum Teil sogar regelrecht Karriere gemacht bis in die höchsten Regierungsämter. Das Buch Daniel z.B. erzählt davon.
Die Babylonier hatten also nur die Oberschicht, die Elite, Leute mit Berufen wie Goldschmied, Schreiber, Medizinkundige, Priester und andere Gebildete mit nach Babylon genommen. Alle anderen, die einfachen Leute, brauchten die Babylonier weiter vor Ort in Judäa, damit das Land weiter bebaut und ausgebeutet werden konnte.
Und nun war ein Teil dieser verschleppten Elite, wieder zurück. Weil das riesige Reich der Babylonier inzwischen von den Persern erobert worden war - die eine andere Art der Besatzungspolitik fuhren - und den Exilierten die Rückkehr in die alte Heimat erlaubten.
Wie gesagt, das war nicht für alle attraktiv. Viele blieben wo sie waren. Denn sie wussten: Den Neuanfang zu wagen in einem zerstörten Land, das ist kein Kinderspiel. Aber bei nicht wenigen war doch eine tiefe Sehnsucht nach der alten Heimat lebendig geblieben über die Jahrzehnte.
Sie hatten in der Zeit in der Fremde tief nachgedacht über alles. Wieso es so gekommen war. Sie entdeckten über dem Studium dessen, was sie an geistigem Gut mitgenommen hatten, anhand von Schriftrollen, die das Gesetz des Moses, alte Lieder aus dem Tempel, prophetischen Schriften und so weiter - sie entdeckten, dass Gott, der Gott ihrer Mütter und Väter, der Gott Abrahams und Sarahs, weiter in Treue zu ihnen, seinem Volk hielt. Sie sammelten die alten Geschichten, die Lieder und Erinnerungen, die sie mitgebracht hatten. Sie schrieben sie auf, stellten sie neu zusammen. Dort in Babylon wurde der Grundstein gelegt für das Judentum als Religion, so wie es bis heue Bestand hat. Und man sehr vereinfachend auch sagen, dort in Babylon ist letztlich auch - mehr oder weniger - die Hebräische Bibel, unser Altes Testament entstanden.
Ausgerechnet in der Fremde war die Einsicht gewachsen: Das wir ins Exil mussten, war kein blindes Schicksal. Wir sind Gott nicht treu gewesen. Wir haben uns Großmachtphantasien hingegeben, wir haben Gottes Gebote nicht erfüllt.
Und wenn wir nun von den neuen Herrschern in Babylon erlaubt bekommen, wieder heimzukehren, dann müssen wir darauf achten, dass wir einen echten Neuanfang machen. Auch mit Gott. So ungefähr müssen viele der zur Heimkehr entschlossenen gedacht haben.
Einer dieser Heimkehrer war Nehemia.
Nehemia, der in Babylon Mundschenk bei Hofe ist, erwirkt, bei seinem Chef, dass er den Auftrag bekommt, die Jerusalemer Stadtmauer wieder aufzubauen.
Und das tut er auch. Dort in Jerusalem stand inzwischen auch wieder ein Tempel. Im Buch Haggai können wir diese Wiederaufbaugeschichte nachlesen. Dort erfahren wir auch: Dieser Tempel war wesentlich kleiner als früher und vergleichsweise mickrig in seiner ganzen Ausstattung. So sehr, dass als er fertig war, diejenigen weinten die sich noch gut an die Pracht des alten Tempels erinnern konnten.
Soweit also so gut. Aber die Stadt und der Tempel lagen völlig schutzlos da - und es gab nicht wenige in der Nachbarschaft, die das nicht gut fanden, dass die Judäer ihre alte Hauptstadt und ihr Heiligtum wieder aufbauten.
Es war also höchste Zeit, die Stadt und den Tempel zu schützen.
Also wurden die verbrannten Trümmer beiseite geräumt, geordnet, neu behauen und zusammen mit frischem Bauholz wieder verbaut.
Nehemia muss ein richtig motivierender Typ gewesen sein. Es ist spannend, nachzulesen, was er über sein Organisationssystem berichtet. Alle haben mit angepackt, auch er selbst. Ausdrücklich wird hervorgehoben, dass ich niemand zu schade war. Auch die, die frühere feinere Jobs gehabt und vom groben Bauhandwerk keine Ahnung hatten, Goldschmiede, Salbenmischer, also eine Art Apotheker, sie werden explizit benannt. Auch Frauen haben mitgeholfen.
Sie alle haben vom ersten Morgenlicht an bis zum Anbruch der Nacht geschuftet.
Dabei erlebten sie allerhand Widerstand. Zum Teil so heftigen, dass sie sich bewaffnen mussten. Man habe mit der einen Hand mit der Mörtelkelle gearbeitet und in der anderen Hand das Schwert gehalten, schreibt Nehemia.
So gefährlich der Widerstand von außen war, am frustrierendsten muss der Widerstand im Inneren gewesen sein.
Denn die Heimgekehrten trafen in der alten Heimat, ich habe es eben schon angedeutet, auf die im Land Gebliebenen. Auf die einfachen Landarbeiterfamilien. Diese Leute hatten oft ein materiell schlechteres Leben gehabt, als ihre verschleppten Brüder und Schwestern. Und wenig Zeit, groß nachzudenken über Gott oder irgendwelche heiligen Schriften. Die meisten von ihnen konnten gar nicht lesen. Und da waren sie nun mit einem Mal da, diese heimwehkranken, tatendurstigen, hochmotivierten, idealistischen Ex-Exils-Leute.
Die sofort ihre intellektuelle Überlegenheit ausspielten und auch ihre guten Verbindungen ins Zentrum Großmacht. Sie machten nun nicht nur Vorschriften für den Wiederaufbau, sondern forderten zum Teil auch ihr altes Land zurück. Das ja sechzig Jahre lang, wenn auch unter einer erdrückenden Abgabenlast, aber immerhin doch allein in der Hand der einfachen Leute gewesen war.
Wir können uns eine Situation vorstellen, wie wir sie auch durch die Wiedervereinigung erlebt haben.
Nehemia berichtet von allerhand Konflikten und Missverständnissen.
Nehemia muss ein beeindruckendes Führungstalent besessen haben. Denn trotz allem ging die Arbeit weiter. Auch wenn es mühsam war.
Die Mauern wachsen.
Die Trümmer werden beseitigt.
Aber was ist mit den Herzen?
Was ist mit den Rissen des Exils?
Den Schuldgeschichten, Versäumnissen, mit all den faulen Kompromissen, den verletzten Identitäten?
Nehemia und der Priester Esra rufen die Menschen zusammen.
Und alle kommen.
Jetzt stehen sie da.
Auf dem Platz vor dem Wassertor.
Alle sind versammelt.
Alle, die Männer, die Frauen und alle, die, so heißt es wörtlich „die es verstehen konnten“.
Denn nun soll eine riesige Bildungsveranstaltung stattfinden. Als Erwachsenenbildnerin schlägt mein Herz höher, wenn ich lese, was Esra und Nehemia mit einer ganzen Schar von Helferinnen und Helfern vorbereitet haben.
Esra, der Priester, hält eine Vorlesung. Dafür ist eigens ein großes Holzgerüst errichtet worden. Von hier aus wird nun das Gesetz, Gottes Weisung für ein gutes, gerechtes Leben, Gottes Tora für sein Volk öffentlich vorgelesen.
Abschnitt für Abschnitt.
Zwischendurch werden immer wieder Pausen gemacht. Damit das Gehörte in Kleingruppen besprochen werden kann. Jede dieser Kleingruppe wird von einem Schriftkundigen geleitet.
„Vom ersten Morgenlicht bis zum Mittag“ geht dieses Seminar.
Und was passiert?
Man könnte meinen, die Leute würden unruhig. Auf die Uhr schauen können sie ja noch nicht, weil die noch nicht erfunden sind. Aber gähnen, schweigen, sich in Gedanken mit etwas anderem befassen, das wäre ja möglich gewesen.
Nein, aber so ist es offenbar nicht. Denn die Leute fangen an zu weinen.
So steht es da.
„Das ganze Volk weinte, als es die Worte des Gesetzes hörte“.
Sie weinen. Nicht, weil alles so schön ist.
Nicht, weil sie ergriffen sind von einem spirituellen Hochgefühl.
Sondern, weil ihnen bewusst wird, wie viel zerbrochen ist.
Wie weit sie sich entfernt haben.
Wie viel nicht gut gelaufen ist.
Es ist ein Moment tiefer Wahrheit.
Und genau in diesen Moment hinein spricht Nehemia – zusammen mit Esra – diesen wunderbaren Satz, der in unseren Lutherbibeln so wiedergegeben ist:
„Seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.“[7]
„Seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.“ Das ist kein billiger Trost. Keiner sagt: Ja, das ist doch alles gar nicht so schlimm.
Weil es schlimm ist.
Und weil Menschen weinen dürfen.
Es gibt Tränen, die sind heilsam.
Tränen der Reue gehören dazu. Wenn die Reue nicht zur chronischen Selbstanklage führt, sondern zu einer positiven Veränderung.
Nein, beim Weinen sollen die Menschen nicht stehen bleibe.
Das ist nicht das, was Gott will.
Gott will, dass wir Menschen uns froh sind, dass wir Freude erleben.
Aber Freude kann man nicht befehlen.
So nach dem Motto: „Freut euch doch einfach mal!“
Nein, das funktioniert nicht.
Spannend ist in diesem Zusammenhang: Das hebräische Wort für „Stärke“ – מָעוֹז „ma'oz“ – bedeutet im engeren Sinne:
Festung. Schutzraum. Zuflucht.
„Die Freude am Herrn ist eure Festung.“
Das heißt: Freude ist hier kein Gefühl, das man hat oder nicht hat.
Freude ist ein Ort.
Ein innerer Schutzraum.
Und jetzt wird es spannend:
Es heißt nicht: „Eure Freude an euch selbst.“
Es heißt nicht: „Freude über eure Leistung.“
Es heißt: „Die Freude am Herrn.“
Man könnte auch übersetzen:
Die Freude, die Gott an euch hat.
Und die Freude, die ihr an Gott findet.
Beides gehört zusammen.
Dieses Volk steht da – mit seiner Geschichte.
Mit seinem Versagen. Mit all den Brüchen und Fehlern.
Aber Nehemia und Esra sagen nun nicht: Na, dann strengt Euch in Zukunft einfach einmal mehr an. Nein, denn sie kennen Gottes Gebot sehr gut.
Und ein nicht unerheblicher Teil der Geboten, der Tora dreht sich ums Feiern, ums Genießen.
Denn die Opferfeste, die dort befohlen werden, werden gefeiert, indem an einer langen Tafel üppig gegessen und getrunken wird.
Das Fleisch, das geopfert wird, wird zu einem großen Teil gegrillt und gemeinsam verzehrt.
Seid nicht bekümmert, die Freude am Herrn ist Eure Stärke, Euer Schutzraum, Euer sicherer Ort.
Und nun lasst uns feiern.
Sehr konkret wird das gesagt. Und zwar so, dass die "longvivity"-Fraktion nun sehr, sehr tapfer sein muss, wenn ich das jetzt wörtlich zitiere. Weil was das, was jetzt kommt all die heute üblichen Empfehlungen unterläuft.
„Esst fette Speisen. Trinkt süße Getränke. Feiert.“
Feiern – nach dem Exil.
Das ist fast provokant.
Freude mitten im Unfertigen.
Feiern auf der Baustelle.
Freude, obwohl noch nicht alles gut ist.
Freude nicht als Endpunkt – sondern als Kraftquelle für den Weg.
Als Schutzraum, als Ort, wo das Leben mehr sein darf und mehr sein soll als Mühe und Arbeit und schlechte Nachrichten und Konflikte.
Vielleicht ist das das Überraschendste an diesem Text: Freude steht nicht am Ende der Geschichte. Sie steht am Anfang eines neuen Abschnitts.
Nicht: „Erst wenn die Mauer fertig ist, erst wenn ihr alles geklärt habt, wenn alles heil ist, dann dürft ihr euch freuen.“
Sondern: „Freude wird euch helfen, heil zu werden.“
V. Was das für uns heute bedeuten könnte
Und ich frage mich – auch für uns heute:
- Was wäre, wenn wir Freude nicht als Luxus betrachten würden?
- Nicht als etwas, das man sich erst verdient?
- Nicht als etwas, das nur erlaubt ist, wenn alles in Ordnung ist?
- Sondern als geistliche Widerstandskraft?
Diese Menschen damals hatten allen Grund zur Erschöpfung.
Allen Grund zur Scham. Allen Grund zur Sorge.
Und doch wird ihnen gesagt:
"Die Freude am Herrn ist eure Festung".
Vielleicht gerade, weil die Welt aus den Fugen geraten ist.
- Freude ist hier kein Wegsehen.
Sondern ein Sich-Verankern. - Ein Erinnern daran, dass Gott treu geblieben ist.
Dass das Exil nicht das letzte Wort hatte.
Dass das, was an Schlimmem geschehen ist, nicht das Ende bedeutet.
Und das gilt, glaube ich, auch für unsere kleinen persönlichen Exile.
Für die Zeiten, in denen wir uns fremd fühlen.
In denen wir funktionieren.
In denen wir nur noch reagieren.
Freude ist dann nicht laut.
Sie ist vielleicht leise.
Aber sie ist tragfähig.
Sie sagt: Du bist mehr als deine Erschöpfung.
Du bist mehr als deine Fehler.
Du bist mehr als das, was dich gerade überfordert.
Die Freude am Herrn ist deine Stärke.
Nicht deine Disziplin.
Nicht deine Perfektion.
Nicht deine Dauerverfügbarkeit.
Sondern die Gewissheit:
Gott ist da.
Und Gott freut sich, dass du da bist.
Und aus dieser Freude heraus
kann Neues wachsen.
Und weil das so nach Gottes Willen so ist.
Darum sind solche Gelegenheiten wie heute einfach unendlich wertvoll.
Ein solches Frauenfrühstück ist kein Luxus, kein „nice-to-have“. Sondern eine handfeste, wunderbare Hilfe für uns alle, diese Freude zu erleben. Um sie zu schmecken, zu riechen, zu hören, zu fühlen.
Ihr hier in Alchen, ihr habt eine Menge Arbeit gehabt mit diesem Morgen, ihr alle, die ihr im Team mitgemacht habt. Und ich glaube, jetzt ist auch einfach ein guter Moment, um Euch einmal zu zeigen, wie viel Freude ihr bereitet gerade. Steht doch am besten einfach einmal alle auf, die ihr vorbereitet, eingekauft, dekoriert und geschnippelt habt - damit wir anderen, die wir einfach nur zum Genießen hier sind, Euch unsere Freude zeigen können mit einem tüchtigen Applaus!
.......................
Wie gut, dass wir heute nicht nur hoffentlich gute Gedanken bewegt, sondern echte Freude gespürt haben.
Vielleicht nehmt wir das mit:
Freude ist kein Sahnehäubchen für perfekte Tage.
Sie ist ein Kraft, die von Gott kommt.
Ein innerer Schutzraum, den Gott mir eröffnet.
Ich kann die Freude nicht herstellen. Aber etwas dafür tun, dass sie wahrscheinlicher wird.
Nicht zuletzt, indem ich es mir und anderen gut gehen lasse.
Auch mitten auf der Baustelle des Lebens.
Sollen wir das wissen:
"Die Freude am Herrn, sie ist unsere Stärke, unser sicherer Ort!"
AMEN.
[1] https://www.philomag.de/lexikon/freude, abgerufen am 26.02.26, 11:36 Uhr
[2] https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/freude
, abgerufen am 26.02.26, 11:45 Uhr.
[3] Siehe Gesenius-Artikel
[4] 1. Mose 1,31
[5] Lukas 15,7
[6] Dazu Erinnerung an Schwester Emmi: „Schwester Emmi, wie geht es Ihnen?“ - „Ich bin dankbar“….
[7] Nehemia 8,10

