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Der Blog der Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Siegen

"Echo" - eine Andacht auf dem Brocken

10.6.2026

Der Brocken zeigte sich von seiner schönsten Seite: strahlender Sonnenschein, klare Luft und eine Fernsicht, die weit über den Harz hinausreichte. Dass dies gerade hier keine Selbstverständlichkeit ist, weiß jeder, der den oft nebelverhangenen Berg kennt.

 

Im Rahmen der von Pfr. i. R. Matthias Elsermann und Heike Dreisbach geleiteten Studienreise nach Quedlinburg und Umgebung erkundeten die Teilnehmenden am 29. Mai 2026 unter anderem das Brockenhaus, den Brockengarten und die spannende Geschichte des höchsten Berges Norddeutschlands. Ein sprichwörtlicher Höhepunkt dieses wunderschönen Tages war die von Mitreisendem Pfr. i. R. Martin Eckey gestaltete Andacht mit dem Titel „Echo“, deren Gedanken an diesem besonderen Ort auf eindrucksvolle Weise nachklangen.

© Foto: Regine von Münchow

1.140 Meter über «Normal Null» stehen wir auf dem Brocken. Wer einen solchen Berg mit Dampflok und Schmalspurbahn hinaufgefahren ist, den belohnt bei klarem Himmel ein weites Panorama. „Das Ganze sehen“ bedeutet das Wort und meint das Verstehen dessen, wie alles zusammenhängt. Da werden unsere manchmal kleinen Maßstäbe verändert. Bei guter Sicht kann man sogar bis zum Rothaargebirge sehen. Ein Blick, bei dem man staunend still wird. Es geht einfach nicht anders. Dazu noch die Ruhe umher. Die Geräusche aus den Niederungen des alltäglichen Lebens haben wir weit unter uns gelassen. So ist dieser Berg ein besonderer Ort, der unserem Sehen und Hören unvergessliche Eindrücke bietet.

 

Gerade die Stille dieser Abgeschiedenheit hat in den Jahrzehnten des „kalten Krieges“ dazu geführt, militärisch gesicherte Abhörstationen zu betreiben, von denen aus man den Funkverkehr im Westen belauschen konnte. Dass hohe Berge nicht nur ihre Geheimnisse haben, sondern auch die Geheimnisse der Anderen aufdecken, macht sie in gleich doppelter Weise zu geheimnisvollen Orten. Sie locken Abenteurer und Gipfelstürmer. Dabei sind Berge sind nicht harmlos. An Bergen scheidet sich das Wasser. Und manchmal entscheiden sich dort auch die Wege der Menschen.   

 

Auch in der Bibel. Gleich viermal führt uns das Matthäusevangelium auf einen Berg. Vier matthäische Berg-Geschichten. Gleich zu Beginn folgt Jesus in der Versuchungsgeschichte seinem Widersacher auf einen „sehr hohen Berg“. Der versucht ihn mit fast unbegrenzter Macht.

 

Wenig später hören wir Jesus bei seiner „Bergpredigt“ zu. Darin hebt er diejenigen in die Höhe, die so leicht übersehen werden: die Armen, die Hungrigen, die Ehrlichen, die Verfolgten.

 

Am Ende, bei „Matthäi am Letzten“, begegnet der Auferweckte in Galiläa seiner Jüngerschar auf einen Berg, um ihnen den Tauf- und Bildungsauftrag zu geben für eben diese Bedürftigen: Geht hin in alle Welt, tauft und lehrt sie halten, was ich Euch gesagt habe. Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. 

Das waren nun die ersten beiden und die vierte der matthäischen Berg-Geschichten.

 

An die dritte will ich hier erinnern: die etwas wolkige Szene der Verklärung auf dem Berg nach Matthäus 17:

 

"Da nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und führe sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. Da sprach Petrus zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst Du, so will ich hier drei Hütten bauen: dir eine, Mose eine und Elia eine. Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke und eine Stimme aus der Wolke sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“  

 

Da sehen wir mit Petrus auf das Ganze. Wir sehen den Sohn, im Einklang mit Mose und Elia. Mose steht für die Gebote Gottes. Elia für die Profetie. Alle gemeinsam für Gottes Weisungen zum Leben in Freiheit und Menschenwürde. Da stehen sie beieinander und zueinander, vertieft ins Reden. Fast schon warnend bekommen wir gesagt, dass wir nicht an dieser lichten Erscheinung hängen bleiben sollen, sondern dass wir mit dem Hören anfangen! Den sollt ihr hören! Vom Sehen zum Hören. Vom Staunen zum Machen. Es ist ja ein Auftrag für den Weg.   

 

Auf den Weg? Schon wieder nach unten? In die Mühen der Ebene? Wo sie doch hier oben ihr Ziel erreicht haben und Gott so nah sein können? Petrus spricht es aus. Er will dem Gipfelmoment eine Bleibe geben. Doch was nützt Gottes Weisung, wenn sie auf dem Berg bleibt? Wenn sie den Weg nicht findet in die Niederungen des Alltags.

 

Petrus ahnt, was ihm blüht, wenn er wieder hinuntermuss. Dahin, wo die Leute doch nur hören wollen, was sie in ihrem Urteil bestätigt. Menschen lassen sich nicht gern in Frage stellen. Sie bleiben in ihren sozialen Netzwerken, in ihrer eigenen Nachrichtenwelt. Öffentlich-Rechtlich wird mittlerweile der Manipulation verdächtigt. Gesponnenes wird zur Wahrheit erklärt. Das Weitererzählte wird vielfach verstärkt. Und ist doch nur das Echo eigener Dummheiten. Und wird doch laut und lauter. 

 

Wie das ist, erzählt eine Episode aus Michael Endes Kinderbuch von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer. Auch so ein Gedanke, der mir in den Sinn gekommen ist. In einem ihrer Abenteuer müssen Jim und Lukas mit ihrer Lokomotive Emma durch das Tal der Dämmerung fahren. Das ist eine enge Schlucht, die am Ende so eng wird, dass der Schall zurückgeworfen wird. Gesprochenes wird im Echo vielfach verstärkt hin- und hergeworfen. Die Drei müssen sich sehr beeilen, weil Emmas Schnaufen und Poltern die Felswände hinter ihnen zum Einsturz bringt. Hinter ihnen ist der Weg nun versperrt. Die Menschen können über den Weg der Worte nicht mehr zueinanderfinden.

 

Es geht so viel kaputt, wenn Menschen sich so engmachen, nur noch ihre Echos hören. Wenn sie sich nicht öffnen können für die Weite Gottes. Für das weite Panorama, wie wir es hier bei freier Sicht im Bild erleben dürfen. Und wie es sich in den alle Kontinente versammelnden blühenden Steingärten abbildet. Ein doppeltes Panorama. Wie gut es uns doch tut, wenn wir diese Vielfalt und Weite wahrnehmen! Und wie töricht es ist, sich dem zu verschließen in gesponnenen Fakes, in immer gleichem Jammer und in vereinfachenden Schuldzuweisungen.  

 

Solche Echos führen nicht in die Weite, nicht in das große Ganze, nicht in das Panorama von Gottes Welt. Mose, Elia, Jesus – die sollt ihr hören! Hört ihre Weisungen zum Leben in Freiheit und Menschenwürde. Das kann nicht ohne Folgen bleiben! Schon ein gesungenes Lob macht die Herzen weit. Das lässt sich hören. Dazu helfe uns Gott, Amen! 

 

Pfr. i. R. Martin Eckey

 

© Foto: privat

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