Leben. Lernen. Weitergehen...
Der Blog der Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Siegen
Evangelisch verantwortlich leben
16.1.2026

Drei Abende im Gespräch mit Dietrich Bonhoeffer
Der Predigtsommer 2025 in der Siegener Martinikirche war Dietrich Bonhoeffers Trias «Beten, das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten» gewidmet.
Die Veranstaltungsreihe der Erwachsenenbildung im Ev. Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein nimmt dessen Impulse auf und sucht – bisweilen eher durch eine Seitentür als durch den Haupteingang ins Werk Bonhoeffers einsteigend – nach Orientierung für unser Mensch-, Christ- und Kirchesein heute. Die Abende eröffnen unterschiedliche Zugänge zu seinem Denken – von persönlichen Hafttexten über Geschlechterbilder bis hin zu Überlegungen zu einer weltzugewandten Kirche in einer religionslosen Zeit.
Die Teilnahme ist kosten- und anmeldefrei.
Dem Unbehausten Wohnworte geben – Bonhoeffers Briefe und Lyrik aus der Haft
Termin: Mittwoch, 4. März 2026, 19:30 Uhr
Referenten: Pfr. i.R. Martin Eckey und Pfr. Wolfgang Weiß
Ort: Gästehaus Diakonissenmutterhaus Friedenshort, Friedenshortstraße 46, 57258 Freudenberg
Am 5. April 1943 beginnt für Dietrich Bonhoeffer die Haft im Wehrmachtuntersuchungsgefängnis Tegel. Nach Monaten bewussten Schweigens ergeben sich im November 1943 erste Möglichkeiten, Briefe an seinen Freund und späteren Biografen Eberhard Bethge zu schmuggeln. „Ich muss die Gelegenheit deiner Nähe einfach wahrnehmen, dir zu schreiben“, heißt es im ersten Brief. Darin offenbaren sich Ansätze eines radikalen Denkens, Fragmente eines Suchens nach dem Wesentlichen eines lebensnahen, religionslosen Christentums und nach dem, was für heute und morgen Bestand haben kann.
In den letzten Monaten seines Lebens, von Juni bis Dezember 1944, beginnt Bonhoeffer auch Gedichte zu schreiben. „Ich komme mir vor wie ein dummer Junge, wenn ich dir verberge, dass es mich hier gelegentlich zu dichterischen Versuchen treibt“, schreibt er zu seinem ersten Gedicht. Diese Texte sind die letzten, die er verfasste, und zugleich die ersten, die uns seine besondere, persönliche Perspektive näherbringen.
An diesem Abend kommen vor allem Bonhoeffers eigene Worte zu Gehör. Die ausgewählten Briefe und Gedichte eröffnen Einblicke in sein Denken und seinen Glauben und laden dazu ein, ungewohnte Perspektiven auf Theologie, Kirche und das eigene Leben zu entdecken. Die Teilnehmenden erhalten einen unmittelbaren Zugang zu Bonhoeffers Gefängnistexte und lernen, seine Briefe und Gedichte als Zeugnisse persönlichen Glaubens, ethischer Verantwortung und theologischer Reflexion zu lesen. Sie erfahren, wie Bonhoeffer mit existenzieller Bedrängnis umgeht, und werden angeregt, eigene Fragen nach Sinn, Glaube und Handeln in schwierigen Lebenssituationen zu stellen. Darüber hinaus schärft die Auseinandersetzung mit seinen Texten das Verständnis dafür, wie Glaube heute nach dem Sinn der überlieferten Worte und nach neuen Ausdrucksformen zu fragen hat.
«Der andere Mensch ist die mir von Gott gesetzte Grenze …». Lässt sich aus Dietrich Bonhoeffers frag-würdigen Frauen- und Männerbildern für gegenwärtige Geschlechtergerechtigkeit lernen?
Termin: Mittwoch, 25. März 2026, 19:30 Uhr
Referentin: Prof. Dr. em. Magdalene L. Frettlöh
Ort: Ev. Gemeindezentrum Weidenau, Setzer Weg 4, 57076 Siegen
Es geht auch um Männerbilder, wenn in den USA evangelikale und rechtsextreme Kreise den Widerstandstheologen Dietrich Bonhoeffer pathetisch zum waffentragenden Kämpfer gegen das Böse stilisieren und ihn an die Seite Donald Trumps rücken. Mit diesem Götzendienst einer gewaltbereiten Männlichkeit werden Bonhoeffers Theologie und Ethik ebenso verzerrt wie sein Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur. Die politische Instrumentalisierung Bonhoeffers durch die religiöse Rechte fordert darum heraus, seine Frauen-, Männer- und Selbstbilder neu in den Blick zu nehmen – in all ihren Ambivalenzen. Dabei wird sich auch die enge Verknüpfung von Biographie und Theologie zeigen.
Der Vortrag begibt sich auf eine Spurensuche in Bonhoeffers Auslegung der Paradieserzählung (Gen 2–3) und der neutestamentlichen Haustafeln, in seinen stark autobiographisch geprägten Gedichten, in Traupredigten sowie in Briefen. Es wird gefragt, ob Bonhoeffers Aussagen zu Geschlechterbeziehungen lediglich als zeitbedingt vor dem Hintergrund seiner preußischen Sozialisation im Berliner Bildungsbürgertum und seiner Prägung durch überlieferte christliche Frauen- und Männerrollen zu verstehen sind oder ob sich bei ihm Motive finden lassen, die auch heute Impulse für Geschlechtergerechtigkeit eröffnen können. Wo sind Bonhoeffers Geschlechterbilder zwischen Egalität und Alterität, zwischen traditionellen Stereotypen und überraschenden Re-Visionen anzusiedeln?
Der Vortrag ermöglicht eine differenzierte Auseinandersetzung mit theologischen Texten und ihrem historischen Kontext und lädt dazu ein, eigene Vorstellungen von Geschlecht, Macht und Verantwortung kritisch zu reflektieren. Die Teilnehmenden gewinnen Einblicke in die Ambivalenzen von Bonhoeffers Denken, lernen gegenwärtige politische und religiöse Vereinnahmungen kritisch einzuordnen und entwickeln Kriterien für einen verantwortungsvollen Umgang mit theologischen Traditionen im Blick auf Geschlechtergerechtigkeit heute.
Kirche in einer religionslosen Zeit
Termin: Mittwoch, 8. April 2026, 19:30 Uhr
Referentin: Pfrin. Carmen Jäger
Ort: Ev. Gemeindehaus, St. Johann-Straße 7, 57074 Siegen
„Wie sind wir „religionslos-weltlich“ Christen, wie sind wir έκ-κλησία, Herausgerufene, ohne uns religiös als Bevorzugte zu verstehen, sondern vielmehr als ganz zur Welt Gehörige?“
Dietrich Bonhoeffer geht in seinen späten Schriften und Briefen davon aus, dass das Christentum einer „religionslosen Zeit“ entgegengeht. Vor diesem Hintergrund fragt er danach, wie Kirche und Christ*innen sich in einer säkularen, mündig gewordenen Welt verorten können: Wie lässt sich das Evangelium weiterdenken, ohne religiöse Sonderstellungen zu behaupten, und wie kann christliche Existenz als Teil der Welt verstanden werden, nicht als Abgrenzung von ihr?
Eine seiner Antworten ist der Rückgriff auf die sogenannte Arkandisziplin. Bonhoeffer verbindet damit die Vorstellung, dass es Zeiten gibt, in denen sich Kirche und Christ*innen bewusst aus der religiösen Öffentlichkeit zurücknehmen, um eine Haltung einzuüben, die nicht auf Sichtbarkeit, Einfluss oder Überzeugung zielt, sondern auf ein solidarisches Dasein für andere. Christlicher Glaube erscheint bei ihm als „still und verborgen“, nicht als religiöse Selbstbehauptung.
Die Veranstaltung nimmt diese Überlegungen auf und setzt sie in Beziehung zu gegenwärtigen Fragen kirchlicher Präsenz und gesellschaftlicher Bedeutung. Die Teilnehmenden setzen sich mit Bonhoeffers Deutungen der religionslosen Zeit auseinander, lernen die Idee der Arkandisziplin in ihren theologischen Zusammenhängen kennen und reflektieren deren mögliche Bedeutung für heutige Formen von Christsein. Dabei geht es auch um die Fähigkeit, zwischen religiöser Sprache und existenzieller Erfahrung zu unterscheiden, um eine nicht-missionarische Präsenz von Christ*innen in der Gesellschaft sowie um neue Perspektiven auf biblische Traditionen, insbesondere die Bedeutung des Alten Testaments und die Achtung vor dem Namen Gottes im jüdisch-christlichen Dialog.
Die Veranstaltung fördert die theologische Urteilsbildung, eröffnet Räume zur kritischen Selbstreflexion kirchlicher Praxis und lädt dazu ein, Bonhoeffers Impulse als Denkangebote für eine zeitgemäße, weltzugewandte Gestalt von Kirche zu prüfen.
Alle drei Abend finden statt in Zusammenarbeit mit der Ev. Martini-Kirchengemeinde Siegen, der Ev. Studierendengemeinde Siegen, der Ev. Kirchengemeinde Weidenau und der Stiftung Diakonissenmutterhaus Friedenshort Freudenberg.

