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Den Horizont von der eigenen Kirchturmspitze weiten
10.6.2026
Der Emmausweg verbindet in der Evangelisch-Reformierten Emmaus-Kirchengemeinde Orte und Menschen
Ein Weg führt von hier nach dort und wieder zurück. Er führt Orte und Menschen und ihre Geschichten zusammen. Ein Weg ermöglicht Begegnung, macht sichtbar, dass es Gemeinsames gibt, und hat die Kraft zu überwinden, was trennen mag. Auf dem Weg ist Zeit. Zum Reden, zum Denken, für Verständigung, zum Wechsel der Perspektive. Und das weitet den Blick, lässt etwas Neues, Anderes entstehen. Aus dem „Ihr“ wird ein „Wir“, aus „Mein“ ein „Uns“.
Der Emmausweg, der die vier Bezirke der Emmaus-Kirchengemeinde Siegen (Eiserfeld, Eisern, Gosenbach sowie Niederschelden/Mudersbach/Brachbach) seit einiger Zeit verbindet, folgt der Vision, das Miteinander-unterwegs-Sein sehr unmittelbar zu gestalten: zu Fuß oder mit dem Rad auf einer Strecke von 14 Kilometern – von Rinsdorf nach Oberschelden, von Oberschelden nach Rinsdorf oder gern auch in Teilabschnitten, ebenso, wie es am besten passt.
Stationen am Weg sind das Gemeindehaus Rinsdorf, die evangelischen Kirchen in Eisern, Eiserfeld, Niederschelden und Gosenbach und das Vereinshaus in Oberschelden. Standardisiert ist jeweils eine Infotafel, die in Fotos und prägnanten Sätzen die Versammlungsstätte porträtiert, über einen QR-Code über weitere Angebote der Gemeinde informiert und auf zwei Karten die Route zur nächstmöglichen Station skizziert.

Überall, das gab das Konzept vor, finden sich außerdem Sitzgelegenheit, Fahrradständer und Mülleimer sowie fast überall (manches ist noch ein wenig im Werden) Spielgeräte für Kinder.
Beispiel Rinsdorf: Gleich neben dem 1977 eingeweihten Gemeindehaus steht eine Liegebank, es gibt einen Picknickplatz, eine Rutsche und einen Balken zum Balancieren. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ – das Bibelwort aus dem Matthäusevangelium spiegelt sich in der Anlage der Station. Einladend solle die Szenerie am Emmausweg sein, das ist Petra Moos wichtig. „Die Menschen sollen sich wohlfühlen“, sagt die engagierte Mitarbeiterin aus Rinsdorf. Von ihr kam der Anstoß für den Emmausweg, der auch auf der Erfahrung aufbaute, wie gut die von ihr gestalteten Oster- oder Weihnachtswegen angenommen worden sind.
Bei einem Urlaub mit Ehemann Stephan und den Kindern im Montafon lernte sie die „Gaglawege“ kennen, kleine Runden mit motivierenden Aufgaben für kleine und größere Leute. Auch diese Erfahrung konnte einfließen in das gedankliche Grundgerüst, das in der sich findenden Emmaus-Kirchengemeinde ein positives Echo fand.
Ein erstes Vorbereitungstreffen gab es im Januar 2022. Eine Projektgruppe konkretisierte in den folgenden Monaten die Planungen, tat Fördermöglichkeiten auf (u.a. beim Evangelischen Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein) und setzte am Ende das Konzept ganz praktisch um. Bestellte Spielgeräte, Fahrradständer und, bei den AWo-Werkstätten in Deuz, Sitzbänke, baute all das dann auch auf, ließ die Infotafeln fertigen, suchte nach einer optimalen Wegführung von Ort zu Ort. Nach und nach wurden und werden die einzelnen Stationen mit Gottesdiensten eingeweiht.

Idealerweise soll die Strecke, die in der Outdoor-App Komoot hinterlegt ist, auch noch markiert werden. „Das läuft über den Sauerländischen Gebirgsverein“, erklärt Stephan Moos und sagt auch, dass manche Tücke im Detail stecke. Eine offizielle Beschilderung würde den Weg noch sichtbarer machen und hoffentlich auch kirchenferne Menschen auf die Spur des Gemeindelebens bringen, hofft Petra Moos.

In der Emmaus-Kirchengemeinde ist der Emmausweg durchaus ein Sinnbild für den Blick über den eigenen Horizont. Wer von der eigenen Kirchturmspitze zur jener des Nachbarorts radelt, wandert oder schaut, lernt auch in Sachen Kirchen- und Heimatgeschichte dazu – mit Blick auf die Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert, die etwa in Oberschelden zur Gründung der Ev. Gemeinschaft führte, mit Blick auf die Bergbautradition in Gosenbach (die außer Betrieb genommenen Gebäude von Schacht und Grube wurden Basis des Kirchenbaus), mit Blick auf Ressourcen (so wurden die Steine für die Kirche in Niederschelden aus dem benachbarten Felsen gebrochen) oder Kuriositäten: In Eiserfeld stürzte vor 100 Jahren der neugebaute Kirchturm am Tag der Fertigstellung gleich wieder ein ...
Heute sind im Schatten des Kirchturms der Trinitatiskirche die bunten Gießkannen an der Lichtergirlande ein echter Blickfang. Die Frage „Was soll das?“ beantwortet das große blaue Schild an der Emmausweg-Station: „Gott gießt seinen Segen über dir aus“.
Claudia Irle-Utsch


