News

Doppelkirche in Rödgen: Bewegte Geschichte zwischen zwei Konfessionen

5.6.2026

© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein

Diese Kirche fällt auf: Ein Turm in der Mitte und zwei Kirchenschiffe an den Seiten, als wäre man sich nicht ganz einig, wo Gottesdienst gefeiert werden soll. In beiden Kirchen werden Gottesdienste gefeiert – aber eben katholisch in dem einen, evangelisch in dem anderen Kirchenschiff.

Womit die Besucher am Rödgen, jener Rodung zwischen Siegen und Wilnsdorf, mitten in der Geschichte des Gotteshauses angekommen sind. Diese Geschichte und die Besonderheiten der Johanneskirche den Menschen näherzubringen, hat sich Susanne Sidenstein zur Aufgabe gemacht. Aus einer ersten kleinen Führung wurde nach und nach mehr. „Das Interesse ist da“, bestätigt Susanne Sidenstein, die von der Stadtmarketing Siegen auch zur Stadtführerin ausgebildet wurde. Die Kirche auf dem Rödgen ist ihr ans Herz gewachsen.

© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein

Erstmals erwähnt wurde das Gotteshaus im 14. Jahrhundert. Als katholische Kirche im Frankenreich erbaut, war die erste Gemeinde dem Erzbistum in Mainz zugeordnet.

Bereits 1533 vollzog sich der Wandel zum protestantischen Glaubensbekenntnis in der Grafschaft Nassau. Doch mit dem 1612 zum Katholizismus konvertierten Grafen Johann VIII. änderten sich bei dessen Regierungsantritt 1624 die religiösen Verhältnisse im Siegerland erneut. Letztlich einigten sich die evangelischen und katholischen Grafschaftsfamilien und ordneten die kirchlichen Verhältnisse des Siegerlandes. Eine Lösung fanden die Grafen 1651.

© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein

„Die Kirche nutzte man ab da simultan“, verrät Susanne Sidenstein. Das Kirchengebäude, damals noch im Innern katholisch geprägt, war seitdem Ort evangelischer und katholischer Gottesdienste.

Als echte Simultankirche erreichte das Kirchengebäude das 18. Jahrhundert – wenn auch in einem baulich bemitleidenswerten Zustand, was 1778 zu Konsequenzen führte: „Es erfolgte der Abriss der Kirche. Das, was man heute sieht, ist der Neubau in der spätbarocken Erstausstattung“, berichtet Susanne Sidenstein. Bemerkenswert: Die Handwerker, die die Kirche errichteten, verewigten sich mit individuellen ovalen Ornamenten.

In der neuen, nun evangelisch geprägten Kirche, nahm die Pfarrersfrau mit ihren Kindern Platz. So hatte sie die Gemeinde immer gut im Blick. Noch heute ist der Blick oberhalb der Kanzel etwas Besonderes. Man könne sich gut vorstellen, dass die Gottesdienstbesucher damals eingeschüchtert waren, wenn der Pfarrer über ihnen stand.

Über der Kanzel findet sich noch heute ein weiterer Blickfang: Die voll pneumatisch betriebene Röver-Orgel von 1899 ergänzt das Ensemble. Der historische Blasebalg ist noch erhalten. Und wer mit Susanne Sidenstein die Kirche besichtigt, wird hinterher auch wissen, was es mit dem Spruch „Jetzt leg mal einen Riemen auf die Orgel“ auf sich hat.

Vor dem hölzernen Ensemble mit Orgel und Kanzel steht der Abendmahlstisch – bemerkenswerterweise auf Rollen. So gibt es bei Bedarf mehr Platz für Veranstaltungen im beengten Chorraum der Kirche.

Die Kirchengeschichte lief übrigens nach deren Neubau nicht konfliktfrei. Der calvinistische Stil prägte die Kirche und die katholische Gemeinde war davon nicht begeistert. Gerade der Altarraum entsprach nicht dem katholischen Liturgieverständnis.

Er galt vielmehr als Affront für die katholische Gemeinde. „Aber der Siegerländer ist ja einfallsreich und sparsam. Was macht der Siegerländer? Er dreht sich einfach um“, berichtet die versierte Kirchenführerin. So stand am anderen Ende der Kirche ein katholischer Altarraum.

Die katholische Kirchengemeinde richtete sich in ihren Messen und Gottesdiensten nun dorthin aus, was wiederum den Unwillen der evangelischen Gemeinde auf sich zog und zur Eskalation führte. Die Protestanten schleppten den Altar und einige hölzerne Gegenstände vor die Kirche, die beschädigt und teilweise angezündet wurden. Das sorgte für Unmut. „Kurze Zeit später brannte das evangelische Pfarrhaus lichterloh“, berichtete Susanne Siebenstein.   

Der katholische Pfarrer in Wilnsdorf und das Bistum waren angesichts dieser Entwicklung wenig begeistert. Sie ordneten an, dass die katholische Gemeinde ihre eigene Kirche bauen sollte. So entstand das zweite Kirchenschiff 1788 auf der entgegengesetzten, westlichen Turmseite.

© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein

Auch hier zeigte sich vorausschauende Sparsamkeit: Grund und Boden gehören noch heute beiden Gemeinden gemeinsam. Und mit der Nutzung des bestehenden Kirchturms sparte sich die katholische Gemeinde den Neubau und den Kauf teurer Glocken. Der Turm bleibt die älteste Konstante in diesem bemerkenswerten Ensemble. Der Bau steht auf romanischen Fundamenten.

Am Ende entstand so aus der Simultankirche eine Doppelkirche. Die Koordination der Läutzeiten und Gottesdienste war eine Herausforderung. Doch mittlerweile feiert die katholische Gemeinde ihr Hochamt in ihrer Kirche St. Johannes Baptist am Samstag. Wenn ein evangelischer Gottesdienst auf dem Rödgen stattfindet, auf katholischer wie evangelischer Seite ist Pfarrpersonal knapp, gibt es am Sonntag keine Koordinationsprobleme mehr mit den katholischen Nachbarn.

© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein

Im Gegenteil: „Man rückt schon zusammen“, berichtet Susanne Sidenstein, die gute Kontakte in die katholische Pfarrei Rödgen pflegt.

Wer nun einen Blick auf diese besondere Kirche werfen möchte und sich für eine Führung durch die beiden Kirchen interessiert, kann sich gerne an Susanne Sidenstein per Mail wenden: susanne.sidenstein@onlinehome.de. /cv

zurück zur Übersicht

get connected