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Karfreitag: Der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke
2.4.2026

Karfreitag führt uns an Orte im Herzen, die wir sonst eher meiden. Er stellt uns Fragen, die wir nicht schnell beantworten können: nach Schmerz, nach Schuld, nach dem, was uns überfordert oder ratlos macht. An diesem Tag geht es nicht darum, stark zu wirken oder schnelle Worte zu finden. Karfreitag lädt uns ein, einfach da zu sein. Offen. Ehrlich. Verletzlich.
Mitten in diesen ernsten Moment spricht die Bibel ein Bild, das kraftvoller kaum sein könnte: „Der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke.“ Ein einziger Riss – und doch eine Weltveränderung. Denn dieser Vorhang stand für die Grenze zwischen Gott und den Menschen. Nur einmal im Jahr durfte der Hohepriester hindurch, um Vergebung zu bitten. Dieser Weg war nicht für alle offen. Er war eng, furchteinflößend, heilig – und er blieb die meiste Zeit verschlossen.
Doch in der Stunde, in der Jesus stirbt, geschieht das Unvorstellbare: Der Vorhang reißt von oben nach unten. Als würde Gott selbst sagen: „Nichts soll uns mehr trennen.“ Es ist kein menschliches Öffnen, keine Leistung, kein Verdienst. Es ist Gottes eigener Schritt auf uns zu. Gott kommt heraus aus dem Heiligtum – hinein in unsere Welt, unsere Fragen, unsere Dunkelheiten.
Und das geschieht nicht im Glanz des Tempels, nicht im geschützten Raum der Religion, sondern draußen – am Kreuz, mitten im Chaos, im Schmerz und in der Unübersichtlichkeit des Lebens. Genau dort, wo auch wir manchmal stehen. Dort sagt Gott: „Ich bin da.“ Nicht erst, wenn wir alles im Griff haben. Nicht erst, wenn wir glauben können. Sondern schon mitten im Zweifel, mitten in der Müdigkeit, mitten im Nicht‑mehr‑weiter‑wissen. Der zerrissene Vorhang bedeutet: Du musst nicht erst besser werden, um Gott nahe zu sein. Der Weg ist offen – jetzt, sofort. Was vorher unnahbar schien, ist zugänglich geworden. Gott hält nichts mehr zurück.
Und doch kennen viele von uns die Spannung zwischen Glauben und Erleben. Wir hoffen – und fühlen uns dennoch allein. Wir beten – und hören keine Antwort. Wir wünschen uns Nähe – und spüren Abstand. Karfreitag nimmt diese Spannung ernst. Aber er sagt: Diese Kluft trennt uns nicht mehr von Gott. Er steht selbst in der Mitte dieses Dazwischen. Er füllt den Raum zwischen unserer Sehnsucht und unserer Wirklichkeit – nicht immer sichtbar, aber verlässlich.
Karfreitag führt uns an die Grenzen, aber nicht in die Verzweiflung. Er zeigt uns, wie weit Gott geht, um uns nahe zu sein. Der Vorhang ist zerrissen. Die Trennung ist überwunden. Gott ist da – in deiner Wirklichkeit. Und er bleibt.
Superintendentin Kerstin Grünert

