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Superintendentin: „Wir dürfen nicht länger schweigen“
17.3.2026

Außerhalb der Evangelischen Kirche Erndtebrücks schien die Sonne, während in der Kirche eine Präventionswoche des Kirchenkreises Siegen-Wittgenstein ihren Anfang nahm, die helfen soll, an dunkle Ecken mit Machtmissbrauch und Abhängigkeiten wieder Licht zu bringen.
Eine ganze Woche zur Prävention im Thema sexualisierte Gewalt – geplant durch das Team der Fachstelle Prävention. Fünf Veranstaltungen – vom Fachvortrag bis zur Lesung und Kinovorführung – die aufklären und das Thema in der Evangelischen Kirche präsent halten sollten.
In einem Gottesdienst stellten sich Gläubige zusammen mit Superintendentin Kerstin Grünert diesem schwierigen Thema das erste Mal innerhalb dieser Woche. „Wir im Kirchenkreis nehmen das Thema sexualisierte Gewalt sehr ernst, wollen es zu einem Alltagsthema machen.“

In ihrer Predigt griff Kerstin Grünert das Thema dann auch direkt auf. „Sexualisierte Gewalt – auch im Raum der Kirche. Das ist kein leichtes Thema. Es beschämt uns. Es erschüttert Vertrauen. Es stellt infrage, was wir von Kirche denken. Aber wir dürfen nicht länger schweigen“, betonte sie. Zu lange habe man geschwiegen, geschützt, relativiert und verschoben.
Aufarbeiten beginne mit dem Hinhören und damit, dass man Betroffenen glaube. „Wir halten ihre Geschichten aus, ohne sie zu korrigieren. Wir übernehmen Verantwortung, wo wir schuldig geworden sind – persönlich oder strukturell. Wir prüfen Machtstrukturen, Rollenbilder, Abhängigkeiten. Wir fragen uns, wo Frömmigkeit missbraucht wurde, um Menschen gefügig zu machen. Und wir ziehen Konsequenzen. Auch dann, wenn es uns selbst trifft.“
Als leitende Theologin nannte Kerstin Grünert auch Stellen aus der Bibel. Dort werde das Thema sexualisierte Gewalt nicht verschwiegen, sondern „erschütternd offen erzählt.“ Beispiele seien unter anderem das erste Buch Mose, im Buch Genesis, wo Hagar zur Leihmutter gemacht werde. „Sie soll für andere ein Kind austragen. Ihr Körper wird benutzt, ihre Stimme zählt nicht. Im zweiten Buch Samuel, im 2. Samuel, wird Tamar von ihrem Halbbruder Amnon vergewaltigt. Danach wird sie weggeschickt. Ihr Bruder sagt zu ihr: ´Schweig still.` Und sie bleibt einsam zurück.“

Die Bibel zwinge die Lesenden, hinzusehen. „Und genau hier beginnt die unbequeme Brücke zu uns. Diese Geschichten sind nicht nur alte Texte aus patriarchalen Zeiten. Sie sind Spiegel. Sie zeigen, was geschieht, wenn Macht wichtiger wird als Schutz, wenn Loyalität stärker wird als Wahrheit, wenn der Ruf einer Gemeinschaft wichtiger wird als die Würde eines Menschen“, untermauerte Kerstin Grünert.
So würden alte Geschichten zu gegenwärtigen Rufen. Kerstin Grünert: „Sie sagen uns: Hört hin. Schaut hin. Erkennt eure Schwachheit. Und lasst euch vom Geist in die Wahrheit führen. Und vertrauen wir darauf: Der Geist, der damals nicht geschwiegen hat, schweigt auch heute nicht. Er ist unbequem. Aber er ist heilsam.“
Mit diesem stillen Anfang nahm die Präventionswoche ihren Lauf. Die Woche endete mit einer Lesung der Autorin Nancy Janz und des Autors Matthias Schwarz. Sie lasen aus ihrem Buch „Entstellter Himmel“, indem Betroffene über ihre erlebte sexualisierte Gewalt in der Evangelischen Kirche sprechen.
Mehr zur Präventionswoche finden Interessierte auf der Seite des Kirchenkreises unter www.kk-siwi.de. /cv

