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Präventionswoche des Kirchenkreises: Tatstrukturen aufdecken
16.3.2026

Von Claudia Irle-Utsch
Der beste Freund: ein Teddybär. Er ist immer dabei, selbst wenn es ganz arg schmerz. Im Körper, in der Seele. Der Teddy ist vielleicht nur ein schwacher Trost, aber doch ein ungemein starker Beistand. Er vermittelt Nähe, er wertet nicht, kann Geheimes bewahren. Und dann wird der treue Gefährte dem Jungen entrissen, ins Feuer geworfen. Die Augen des Teddys brennen sich ins Gedächtnis des Kindes ein. Und erinnern an eine Hölle, die doch dem Himmel so nah sein wollte.
Detlev Zander zählt zu den Kindern, die in den Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal von 1949 bis in die 1980er Jahre sexualisierte Gewalt erlebt haben. 2013 bricht er sein Schweigen. Er stand vor der Wahl: seinem Leben ein Ende zu setzen oder öffentlich zu machen, was hinter den Türen der Schlafsäle, was im Fahrrad- und im Ölkeller geschehen war und auch andernorts in diesem eigentlich so beschaulichen Städtchen in Baden-Württemberg. Detlev Zander entschied sich zu sprechen, machte sich hörbar und sichtbar. In der Folge berichteten über 150 weitere ehemalige Heimkinder von ihren Gewalterfahrungen in den diakonischen Einrichtungen dort. Gemeinsam setzten sie einen Aufklärungs- und Aufarbeitungsprozess in Gang, der mehr als 80 Tatpersonen ermittelt hat. Der Diskurs um eine angemessene Anerkennungsleistung dauert an, auch die Diskussion um einen fortwährenden „Missbrauch nach dem Missbrauch“, der sich zeigt in einem System, das von „oben“ nach „unten“ schaut und aus Betroffenensicht oft immer noch an Respekt vermissen lässt.
Dokumentation lässte ehemalige Heimkinder sprechen
Die Filmemacherin Julia Charakter lässt Detlev Zander und fünf weitere Menschen in ihrer Dokumentation „Die Kinder aus Korntal“ (2023; zu sehen in der ZDF-Mediathek) zu Wort kommen, den allesamt schlimmer Schaden zugefügt worden ist. Der 90-minütige Film stand Anfang März auf dem Programm der ersten „Woche der Prävention sexualisierter Gewalt“, die das engagierte Team der Fachstelle Prävention des Evangelischen Kirchenkreises Siegen-Wittgenstein veranstaltet hat. Im Kleinen Theater des Kulturhauses Lÿz konnte dieser aufwühlend-bewegende Zeitzeugenbeitrag im Anschluss reflektiert werden.

Manuela Kazalla und Inge Breichler von der Fachstelle Prävention moderierten den Abend. Als Gast stellte sich Klaus Andersen, von 2011 bis 2021 Weltlicher Vorsteher der Korntaler Brüdergemeinde und maßgeblich engagiert in Sachen Aufarbeitung, den Fragen von Superintendentin Kerstin Grünert und jenen aus dem Plenum. Eigentlich hätte auch Detlev Zander vor Ort sein wollen, hatte aber krankheitsbedingt absagen müssen. Und so ließ Klaus Andersen von ihm herzlich grüßen.
Es war frappierend, gleich am nächsten Tag wie in einer Art Spiegel zu erleben, welche Strategien von Tatpersonen im evangelischen Kontext auch in Korntal zu tragen kamen. Die Psychologin Dr. Safiye Tozdan vom Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf referierte in einem hybriden Format zum Thema Grooming. Die Wissenschaftlerin stellte von Hamburg aus die Ergebnisse eines Teilprojekts der Studie zu sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche vor. Anhand von 30 Interviews mit Betroffenen ergaben sich Muster – zu den Tatpersonen (oft mit guter Reputation, mit Einfluss und Macht, häufig sehr beliebt) und ihren Methoden, sich einem jungen Menschen anzunähern, um eine sexuell missbräuchliche Tat durchführen zu können. Diese Veranstaltung traf auf Interessierte im Gemeindezentrum der Haardter Kirche in Weidenau und solche, die sich online zugeschaltet hatten.
Wie Tatpersonen vorgehen
Deutlich wurde, wie Tatpersonen auf unterschiedlichen, aber dann doch miteinander verbundenen Ebenen Zugang zu Kindern und Jugendlichen finden. Wie sie in eine Beziehung treten, Vertrauen aufbauen und Abhängigkeiten schaffen, wie sie ein mögliches Aufdecken zu verhindern suchen und eine Atmosphäre von „Normalität“ kreieren. Dabei könnten im kirchlichen Kontext auch religiöse Kontexte hergestellt werden, so Safiye Tozdan. „Das wäre dann eine Art Oberstrategie“, die mit Bezug auf Schuld, Sünde, Strafe und Vergebung manipulativ agiere und wirke.
Um diese Strategien zu wissen, schärfe das Bewusstsein, mögliche Tatpersonen oder Tatstrukturen zu erkennen, fasste die Referentin am Ende ihres Vortrags zusammen. Es gelte, hinzuschauen und einzuordnen; die Aufgabe sei, es möglichen Täterinnen oder Tätern möglichst schwer zu machen, ein Kind zu „groomen“ und zu verletzen. Mit Blick auf das Gefühl von Scham und Schuld bei Betroffenen sei es wichtig, die Verantwortung deutlich an die Tatpersonen zu attribuieren. Es brauche, so Dr. Tozdan, in schützenden Konzepten vor allem Klarheit: bei Regeln, bei Beschwerdewegen, bei Kontrollmechanismen, in der Transparenz. „Weil wir wollen, dass in unserem Land Kinder sicher sind.“
Die „Woche der Prävention sexualisierter Gewalt“ endete im Klafelder Gemeindezentrum „mittendrin“ mit einer Lesung aus dem Buch „Entstellter Himmel“. Darin berichten zehn Menschen, die in der evangelischen Kirche sexualisierte Gewalt erfahren haben, aus ihrem Leben. Eingeladen waren Nancy Janz und Matthias Schwarz; beide sind Mitglieder im Beteiligungsforum der Evangelischen Kirche in Deutschland und sind selbst Betroffene.

