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Schutz und Schild in dunklen Ecken - Gedenkstunde der Kreispolizeibehörde

14.3.2026

Angehörige der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein: Ihr Berufsalltag beinhaltet nicht selten dunkle Ecken, unklare Lagen und unmittelbare Bedrohungen.
© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein
Angehörige der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein: Ihr Berufsalltag beinhaltet nicht selten dunkle Ecken, unklare Lagen und unmittelbare Bedrohungen.

Auf dem Hof der Polizeiwache Siegen ist es still. Rund 60 Beamtinnen und Beamte sind mit ihren Gedanken alleine, mit ihrem Gedenken an Polizistinnen und Polizisten, die nicht mehr aus dem Dienst zurückkehren. Es ist der Gedenktag für im Dienst verstorbene Polizistinnen und Polizisten (International Day of Remembrance for Fallen Officers).

Gedenkstunde Polizei SIWI
© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein
Gedenkstunde Polizei SIWI

In dieser Situation müssen Polizeidirektor Thomas Fürst und Polizeiseelsorger Ralf Prange den richtigen Ton und die richtigen Worte finden.

Thomas Fürst, Polizeidirektor der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein, ist dankbar, dass so viele Kolleginnen und Kollegen an der Gedenkstunde teilnehmen. Er erinnert an eine Kollegin, mit der er die Polizeischule besuchte. „Und sie ist die Kollegin, die damals im Streifenwagen erstochen worden ist in Remscheid-Lennep. Die Tat jährt sich dieses Jahr zum 26. Mal.“ Auch den Tod eines SEK-Beamten, der in Gelsenkirchen vor der Tür eines Dealers getötet wurde, ruft Fürst ins Gedächtnis. Er findet an diesem Gedenktag klare Worte: „Es ist das Gruseligste, was ich mir vorstellen kann. Nämlich dass wir Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir einen Dienst begonnen haben, zum Dienstende nicht mehr verabschieden können.“

Stühle bleiben dann leer, Spinde müssen ausgeräumt und Todesnachrichten überbracht werden, so Thomas Fürst. Es gebe keine Garantie, dass man gesund nach Hause komme. „Das ist in diesem Beruf eingepreist und ist mit keinem Gehalt der Welt zu bezahlen.“

Er erinnert an Nachtschichten, mit „dunklen Ecken, unklaren Lagen, unmittelbaren Bedrohungen und plötzlicher Gewalt.“ Ausbildung, wiederholtes Einsatztraining, Erfahrung und Ausrüstung sollen dazu beitragen. „dass ihr möglichst gesund nach Hause kommt.“ Und mit Blick auf die gut 60-70 versammelten Kolleginnen und Kollegen betonte Thomas Fürst: „Wir sind sehr froh hier in Siegen-Wittgenstein, dass es schon viele Jahre nicht dazu gekommen ist, dass wir nicht nur zum Gedenken zusammenstehen, sondern uns auf dem Friedhof treffen.“

Mit der Gedenkstunde ist man am Sitz der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein nicht alleine. Polizistinnen und Polizisten, die auch in Nordrhein-Westfalen im Einsatz umkommen, gedenkt die Polizei in NRW seit 2020 mit einer Schweigeminute.

Polizeidirektor Thomas Fürst weiß, welchen Belastungen die Kolleginnen und Kollegen auch ohne Todesfälle in den eigenen Reihen täglich ausgesetzt sind: „Wir hoffen, dass wir euch als Führung hier in Siegen-Wittgenstein dabei möglichst gut unterstützen.“

Gemeinsames Gedenken: Polizeidirektor Thomas Fürst (l.) und Pfarrer Ralf Prange.
© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein
Gemeinsames Gedenken: Polizeidirektor Thomas Fürst (l.) und Pfarrer Ralf Prange.

So ist der Polizeidirektor auch froh, dass es in Siegen-Wittgenstein mit Ralf Prange einen Polizeiseelsorger gibt. „Wir sind froh, dass wir uns auf die Polizeiseelsorge stützen können, wenn wir mal selbst keine Worte haben“, so Fürst.

Ralf Prange ist vor Ort, kennt viele der Polizistinnen und Polizisten. Er erinnert in seiner kurzen Andacht an die eiserne Wächterstatue an der Polizeischule in Selm. Der Theologe weiß, dass Schutz und Schild oft als Metaphern in der Bibel vorkommen.  Der Polizeiseelsorger des Kirchenkreises Siegen-Wittgenstein nennt hier die Konfirmation als Beispiel: „Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist gebe dir seine Gnade: Schutz und Schirm vor allem Bösen, Stärke und Hilfe zu allem Guten, dass du bewahrt wirst zum ewigen Leben. Es sei eine starke Formel, die jeden Tag greife, bei allen Menschen, aber gerade auch bei Polizisten. „Denn ich bin beeindruckt von dem, was ich erlebe, wenn ich mitfahre. Dass man nicht weiß, wie böse jemand ist und dabei aber immer auch das Gute in den Menschen sehen will.“  Dabei könne es auch sein, dass Schutz und Schild nicht ausreichen. „Bricht das Schild, kann es passieren, dass Beamtinnen und Beamte getötet werden“, so Prange. Dann tröste das Wissen, dass man auch bis in die Ewigkeit durch Gott bewahrt bleibe.

Da gelte es besonders, wach zu sein, um auf „sich, auf die Kolleginnen und Kollegen und die Menschen aufzupassen“. Auch dabei könne man sich von Gott getragen fühlen, so Pfarrer Ralf Prange. Der ist auch außerhalb von Gedenkstunden für die Polizistinnen und Polizisten da. Dabei geht es selten um akute Hilfe, sondern eher um die Hilfe nach herausfordernden Einsätzen. „Wenn ein Beamter oder eine Beamtin sprechen möchte, geschieht das meist per Handy oder E-Mail“, berichtet Ralf Prange. Wichtig sei ihm auch die Alltagsreflexion. Er bemühe sich, möglichst viele Beamtinnen und Beamte kennenzulernen. „Denn du wendest dich nur an jemanden, den du kennst“, betont der Pfarrer aus der Lukasgemeinde.    

Diese Arbeit ist eine Ergänzung zu der oft akut geforderten psychosozialen Unterstützung (PSU) in Siegen-Wittgenstein, in der ein PSU-Team mit Ärzten, Therapeuten, Psychologen, Polizisten und Seelsorgern bereitsteht. Die sind überparteilich und überkonfessionell aufgestellt. Dass in Siegen-Wittgenstein noch ein Polizeiseelsorger seine Hilfe zusätzlich anbietet, sei nicht selbstverständlich, sagt Polizeidirektor Thomas Fürst, der untermauert: „Dass dies hier noch dazu gehört, ist ein Privileg und liegt immer an den handelnden Personen.“

Christian Völkel

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