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Kontrast zur Gewöhnlichkeit der Welt
18.9.2026

Am Tag des offenen Denkmals wurde die Siegener Martinikirche auf ungewöhnliche Weise vorgestellt.
Eine Kirche ist eine Kirche. Und doch ist sie stets mehr als das: Sie ist ein Gebäude mit einer besonderen Funktion. Sie hat eine Geschichte, und die verbindet sich mit der Historie der Menschen, die hier Zuflucht suchen, Trost finden, Zuversicht schöpfen, Gott erfahren. Je älter die Kirche ist, umso größer ist der Fundus an Erzählungen – in Stein gemeißelt, in Bronze gegossen, aus dem Verborgenen ans Licht geholt.
Wie reich die Siegener Martinikirche, deren Historie bis ins 8. Jahrhundert zurückgeht, an solchen Schätzen ist, das wurde am Tag des offenen Denkmals, dem 13. September, bei einer musikalisch-historischen Kirchenführung deutlich. Dabei ließen Mathias Scheer und Peter Scholl (Orgel, Klavier, Cembalo) und Mara Scholl (Cello) das, was Raimar Leng, von 1989 bis 2012 Pfarrer der Gemeinde, aus der Geschichte des Gotteshauses skizzierte, nachklingen – vor allem mit Musik von Johann Sebastian Bach. Daniela M. Stoker, ehrenamtliche Leiterin des Ortskuratoriums Siegen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, stellte die Arbeit der Organisation für Denkmalpflege vor, zu der eben auch die Ausrichtung des Tags des offenen Denkmals gehört. Das 2026er Motto lautete: „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur“. Und tatsächlich schien sich durch die Martinikirche an jenem Sonntagabend ein Netz zu spannen, mit einem sichtbar roten Faden, der die Dimension dieses Ortes sichtbar machte.
Thomas Carolus, Vorsitzender des Fördervereins der Martinikirche und Beauftragter der laufenden Sanierungsbemühungen, brachte in seinen einleitenden Worten auf den Punkt, in welchem Spannungsfeld sich die Kirche auf dem Felssporn des Siegberges heute bewegt. Sie bilde einen notwendigen Raum „als Kontrast zur Gewöhnlichkeit der Welt“ und sei mit der Verpflichtung verbunden, „diesen zu erhalten und an die nächsten Generationen weiterzugeben“.
Es fand sich ein großes, interessiertes Publikum, das immer wieder eingeladen war, den Standort zu wechseln: aus der Mitte des Kirchenschiffs hin zum Taufstein, hinüber zur alten Martinsglocke und den Grabplatten oder zum Blick auf das tieferliegende historische Mosaik, dessen Strukturmuster im Zuge der aufwendigen Sanierung in den frühen 1990er Jahren bei der Bodengestaltung aufgegriffen wurde.

Ein Mosaikstein der Führung bezog sich auf die Geschichte des Taufsteins. 1487/88 erstmals schriftlich erwähnt, musste er im Zuge der Reformation 1560 die Martinikirche verlassen und wurde zunächst in die Nikolaikirche verbracht. 1733 sei er in einer Inventarliste des Nikolai-Pfarrhauses aufgeführt, dann in einer Abstellkammer des Oberen Schlosses aufbewahrt worden, so Raimar Leng. Erst Mitte der 1970er Jahre sei der massive Taufstein, vermutlich 1230 in einer Andernacher Werkstatt aus einem Stein gehauen, zurück in die Martinikirche gekommen. 1978 wurde der aus Siegen stammende Künstler Wolfgang Kreutter damit beauftragt, eine Taufplatte zu gestalten, die das eigentliche Becken verkleinernd umrahmte.
Deutlich wurde im Verlauf dieser abwechslungsreichen Führung, wie sehr die Geschichte der Kirche auch Stadtgeschichte ist: in Gründungszeiten Ausdruck einer Wehrhaftigkeit, im 17./18. Jahrhundert als Begräbnisstätte genutzt und in napoleonischer Zeit als Lazarett, 1831 wieder in Dienst gestellt und im Zuge der Bombardierung Siegens am 16. Dezember 1944 völlig ausgebrannt. Die Bürgerschaft machte sich nach dem Zweiten Weltkrieg stark für den Wiederaufbau, so dass die Martinikirche am Reformationstag des Jahres 1949 wiedereingeweiht werden konnte. Sie steht unter Denkmalschutz.
Die Musik, die Mathias Scheer, Peter Scholl und Mara Scholl hören ließen, war mehr als ein Intermezzo. Sie leitete Blicke und Gedanken, bündelte das Empfinden, unterstrich das Gesagte und erschloss besondere Bezüge wie jene zwischen Johann Sebastian Bach und Siegen: Bach war in Diensten des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen, und dieser heiratete später die im Unteren Schloss geborene Charlotte von Nassau-Siegen!
Mit Vivaldis Cello-Sonate Nr. 6 in B-Dur schloss das inspirierende Programm. Im Ohr blieb auch die anfängliche Improvisation über „Tut mir auf die schöne Pforte“. Der Choral von Benjamin Schmolck (Text) und Joachim Neander (Melodie) bringt auf den Punkt, warum Kirche Kirche ist: „Hier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht ...“
Claudia Irle-Utsch


