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"Alles Liebe" ein neues Konzertformat mit capella cantabilis
24.6.2026

Gerade haben sie gesungen vom „lover and his lass“, vom Liebsten und der Liebsten, jetzt werden sie recht brüsk unterbrochen. „Tschuldigung“, sagt die Paketbotin im DHL-Shirt, und fast mochte man glauben, dass sie tatsächlich erst Feierabend machen könnte, wenn sie dieses eine kleine Paketchen hätte zustellen können. Viel Lärm um nichts? Nein, nein, sondern vielmehr ein wunderbar geerdetes Echo auf das, was die capella cantabilis in der Nikolaikirche Siegen bieten will: ein Konzert mit Werken von Matthew Harris, Frédéric Chopin, Ralph Vaughan Williams, Franz Liszt und Morten Lauridsen, das mit Chor und Piano solo die thematischen Facetten von „Alles Liebe“ darstellen soll. Auch optisch hatte sich das Ensemble der Kantorei Siegen auf „Love, Love, Love“ eingestellt: Blusen, Hemden, Shirts changierten in einer Palette von Rosa und Rot bis Violett.
Dass an der Seite von Kantorin Ute Debus ein riesiger Pappkarton steht, zeigt schon zu Beginn an, dass an diesem frühsommerlichen Samstagabend etwas Nichterwartbares geschehen könnte. Dass aus diesem Paket urplötzlich eine zweite Zustellerin springt, überrascht dennoch. Nun sind es zwei Frauen, die unverhofft ein Konzert erleben, das schöne Musik mit schönen Texten verbindet. Beide sind tief gerührt. Ihr Leben bekommt eine veränderte Blickrichtung. Sie finden in diesem Moment eine innere Kraft, die sie auch in ihrem hektisch-gehetzten Alltag tragen wird.
Henriette Heine und Laura Götz bauen mit ihren schauspielerischen Intermezzi eine Brücke zwischen Poesie und wahrem Leben, zwischen sakralem Raum und der Welt da draußen, zwischen dem Offensichtlichen und all dem, was dahinter liegen kann. Ihr Empfinden deckt sich vermutlich in Teilen mit jenem des Publikums, das in diesem Konzert nicht allein hören und schauen darf, sondern auch interagieren soll: nachdenken über die Liebe an und für sich, aufschreiben, was einem lieben Menschen gilt, und die eigene Ermutigung teilen. Liebe ist ...

Im Rahmen dieses neuen, spannenden Konzertformats blieb sich die capella cantabilis treu. Mit feinem Schwung und großem Ausdruck gaben die Sängerinnen und Sänger je drei der „Shakespeare Songs“ von Matthew Harris und von Ralph Vaughan Williams. Die Zartheit der Liebe und auch ihre Wucht, Sehnsucht und Schmerzliches schimmerten durch die mitunter hochkomplexen Harmonien. Das „Dirait-on“ aus „Les Chansons des Roses“ blieb am Ende im Ohr, tagelang! Hier begleitete die junge Pianistin Juliana Scheid die Klangmalerinnen und -maler des Chores. Ihre beiden Solostücke – Chopins Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23 und Liszts „Ständchen“ – waren im Programm zwei weitere kostbare Perlen, gespielt mit unglaublich virtuosem Vermögen und technischer Brillanz und von einer mitreißenden emotionalen Kraft. Kaum enden wollte danach der Applaus.

In der Nikolaikirche lud das engagierte Team der Ev. Lukas-Kirchengemeinde im Rahmen einer „Nacht der Offenen Kirche“ im Anschluss dazu ein, den Turm der Nikolaikirche zu besteigen, um von dort die Aussicht in Stadt und Land zu genießen. Rund 150 Menschen ließen sich einladen, Kirche und Krönchen auf diese Weise näherzukommen. Ein stimmiger Abschluss eines stimmungsvollen Abends.
Die capella cantabilis wünschte tags drauf noch einmal „Alles Liebe“ – bei einem Gastspiel im Dahlbrucher kmd.
Claudia Irle-Utsch

