News

Kirche im Wandel - Räume für Begegnung schaffen

16.6.2026

© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein
Pfarrer Andreas Isenburg hat über Formen alternativer Kirchnutzungen berichtet.

Eine Kirche verkaufen? Das ist für viele Menschen noch undenkbar. Ein Blick in die Bundesrepublik offenbart aber, dass es viele Wege gibt, ein Kirchengebäude alternativ zu nutzen.

Klar ist: Die Entscheidung, sich von einer Kirche zu trennen, fällt keiner Kirchengemeinde leicht. Doch sinkendende Mitgliederzahlen und daraus resultierende weniger Kirchensteuereinnahmen sorgen kurz- und mittelfristig für schwindende Rücklagen.

Die rund 45.000 Kirchengebäude in Deutschland sind weit mehr als nur Immobilien – sie sind ein einzigartiges Gemeingut, das über Jahrhunderte hinweg von Menschen geschaffen, genutzt und bewahrt wurde. Sie sind Räume des christlichen Bekenntnisses und der Spiritualität und prägend für das Ortsbild – sei es in Stadt oder Land.

Es ist eine Entwicklung, die auf der einen Seite emotional ist, auf der anderen Seite aber auch kreativ und mit Mut zur Zukunft angegangen wird.

Andreas Isenburg, Pfarrer und Mitglied des oikos-Instituts für Mission und Ökumene, hat sich für die Kirche von Westfalen mit Möglichkeiten der Umnutzung beschäftigt und Dutzende Beispiele gefunden, die alle individuelle Lösungen für die Bewahrung von Kirchengebäuden darstellen. Diese Ergebnisse stellte Andreas Isenburg jetzt den versammelten Pfarrerinnen und Pfarrern des Kirchenkreises Siegen-Wittgenstein im Gemeindehaus Fellinghausen vor.

 

„Es ist eine Entwicklung in Deutschland, die sich in ein Gesamtbild einbettet, dass man auch in England und den Niederlanden wiederfindet“, betonte Isenburg. Er verwies auf aktuelle Schätzungen, die alle Sakralgebäude in Deutschland auf 45.000 beziffert. Davon müssten auf Dauer 15.000 Gebäude umgewidmet und neu genutzt werden.

 

Im Gepäck hatte der Referent einen bunten Strauß kreativer Nutzungsmöglichkeiten. Andreas Isenburg war es wichtig zu erwähnen, dass alle Beispiele bereits in Deutschland realisiert wurden.

So gebe es komplette Umnutzungen, sogenannte säkulare Nutzungen in säkularer Trägerschaft. Das bedeutet für die Kirchengemeinde, die sich zu einem solchen Schritt entschließt, dass die Kirche als Immobilie veräußert wird und von einem nicht kirchlichen Träger nicht kirchlich genutzt wird.

Als ein Beispiel nannte Andreas Isenburg das in Bielefeld bekannte Restaurant „Glück und Seligkeit.“ Statt der Holzempore sei dort eine Stahlempore eingezogen worden, eine Bar und alles weitere hinzugekommen, dass ein Restaurant ausmache. Das Restaurant wirbt auf seiner Website mit einem einzigartigen Ambiente, in dem Interessierte „auch einen ganz besonderen Ort für Feiern, Tagungen und Veranstaltungen aller Art“ finden. Bemerkenswert: Die ehemalige Martini-Kirche ist Dreh- und Angelpunkt in der Werbung des Restaurants.

Weniger spektakulär, dafür aber gewiss solide durchfinanziert ist ein Beispiel aus dem Havelland. Dort hat eine Sparkasse das Gebäude erstanden und zur Filiale umgebaut. 

Man muss jedoch gar nicht so weit schauen, um Umnutzungen zu finden. Die Ferienwohnung „Kleine Kapelle“ in Nenkersdorf war einst eine evangelische Kapelle und seit über zehn Jahren ist die Kirche in Bad Berleburg-Aue Heimat einer Werbeagentur.

© Privat
Ehemalige Kapelle in Nenkersdorf: Das Gebäude ist saniert und kann heute als Ferienwohnung gebucht werden.

Spannende Lösungen finden sich auch in einer gemischten Nutzung. 2013 kaufte ein Bauunternehmer die Kirche, sanierte den Bau umfassend und wandelte die Kirche in der Nutzung als Eventlocation um. Seminare, Disco, Konzerte und einmal im Monat der Gottesdienst der Evangelischen Kirchengemeinde Essen-Altstadt sorgen für einen bunten Mix.

Es gibt auch Fälle, bei denen die Kirchengemeinde am Gebäude festhält, dessen Nutzung aber kreativ zusammen mit nicht-kirchlichen Partnern ändert. So bietet die Kirchengemeinde Wöbbel ihre Kirche als Ort für die Bürgergemeinde an. In Landringhausen lädt die Kirchengemeinde einmal im Monat zur „Kneipenkirche.“ Pfarrer Andreas Isenburg sieht gerade bei dieser Öffnung echte Chance, da in vielen Städten und Dörfern die Möglichkeiten, sich zu treffen, geringer werden. Auch ganzjährige Themenkirchen zu Ostern oder Weihnachten sind durchaus möglich. Und Kirchen, in denen Menschen übernachten können, sind bereits Realität. 

Es gibt auch Modelle, bei denen die Kirche in der Hand der Kirche bleibt. Doch auch dort hat sich etwas getan. So gibt es in Dortmund die Segenskirche, in der ein Raum für Gottesdienste abgetrennt und Räume für das Gemeindeleben im Kirchschiff integriert wurden. Eine Kinder-Kathedrale in Hamburg oder eine Kirche der Stille ebenfalls in Hamburg sind Beispiele für eine thematische Umnutzung.

„Und es gibt sie, die Beispiele für eine Ökumenische Nutzung“, so Isenburg. In Frankfurt besucht zum Beispiel eine rollende „Tiny Church“ im Namen der evangelischen und katholischen Kirche verschiedene Wohnviertel.

 

© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein
Superintendentin Kerstin Grünert betont, dass die Ev. Kirchengemeinden über ihre Immobilien selbst entscheiden.

Dass auch in Siegen-Wittgenstein nicht jede Kirche und Kapelle gehalten werden kann, ist den Gemeinden im Kirchenkreis klar. Auch Superintendentin Kerstin Grünert ist sich der Sensibilität des Themas bewusst.

„Wir haben es ja an manchen Stellen schon erlebt, wie emotional es im Dorf und in der Gemeinde werden kann, wenn es um die kirchlichen Gebäude geht. Es geht um Erinnerungen, um Verbundenheit. Wie so oft spielt die Kommunikation an dieser Stelle eine zentrale Rolle. Ich habe großen Respekt vor den Presbyterien, die sich der Situation stellen und verantwortlich und mutig ihre jeweilige Gemeinde leiten und zukunftsweisend aufstellen wollen. Und ich werde nicht müde zu sagen: Die Lebendigkeit von Kirche und einer Gemeinde hängt nicht am konkreten Gebäude.“

Christian Völkel

 

zurück zur Übersicht

get connected