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Besuchsdienste in den evangelischen Kirchengemeinden: "Einsamkeit" ist ein Thema
23.8.2025

Allein oder einsam – wo liegt der Unterschied? Das war eine von vielen Fragen, die jetzt in den Räumen der Evangelischen Kirche in Gosenbach diskutiert wurden. Eingeladen zu einem Gesprächsabend, der sich mit dem Thema „Einsamkeit“ beschäftigte, hatte Referentin Heike Dreisbach, Leiterin der Erwachsenenbildung im Evangelischen Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein. Die Zielgruppe: ehrenamtliche Mitarbeitende der Besuchsdienste in den evangelischen Kirchengemeinden. Bei den Besuchen der Gemeindeglieder begegnet ihnen auch Einsamkeit, was nicht immer einfach ist. Die Veranstaltung, die in Kooperation mit der Evangelisch-reformierten Emmaus-Kirchengemeinde Siegen stattfand, griff dieses Thema besonders auf. Heike Dreisbach gab Impulse und Raum, um sich auszutauschen. Schnell wurde deutlich, dass der Inhalt des Abends vielschichtig war und jeder Ehrenamtliche unterschiedliche Erfahrungen miteinbringen konnte.
Zurück zur Einstiegsfrage – hier waren auch die rund 30 Teilnehmenden der Veranstaltung gefragt. Einsam oder allein? „Das ist ein drastischer Unterschied“, bemerkte eine Teilnehmerin. Dreisbach führte aus: „Ob ich einsam bin, kann man mir nicht ansehen.“ Wer allein sei, der sei das oft nur zeitweise, habe im Hintergrund jemanden. Die Referentin definierte es genauer: „Einsam ist, wer das Gefühl hat, dass zwischen der gewünschten Zahl von Beziehungen oder Kontakten und der tatsächlichen Anzahl von Beziehungen oder Kontakten eine Kluft besteht.“ Menschen könnten sich trotz eines großen sozialen Netzwerks einsam fühlen und umgekehrt fühlten sich sozial isolierte Personen nicht zwangsläufig einsam. Dreisbach berichtete dabei von ihren Erfahrungen: „Die Nähe Gottes kann Einsamkeitsgefühle wegpusten. Zumindest für einen Moment.“
Dreisbach, die unter anderem eine Ausbildung als Krankenschwester absolviert hat und bei der Diakonie arbeitete, brachte auch Fakten zum Thema Einsamkeit mit – sie sei beispielsweise keine Frage des Alters und spätestens seit der Corona-Pandemie sei bekannt, dass sie auch Jugendliche betreffe. Und: „Einsamkeit ist definitiv auch ein Gesundheitsthema.“ Einsame Menschen bekämen leichter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und litten häufiger unter kognitiven Beeinträchtigungen und Demenz. Wie sich Einsamkeit auch im Besuchsdienst zeigt, darüber sprachen die Teilnehmenden der Veranstaltung erst in kleineren Gruppen, dann im Plenum. Ein Besuch dauere meistens länger als eine Stunde, sagte ein Ehrenamtlicher. Auch die Reaktionen seien oft eindeutig und seien beispielsweise Aussagen wie „Du bist die Erste, mit der ich heute spreche“. Die Teilnehmenden sprachen auch über Herausforderungen, die ihnen begegnen bei ihrer Tätigkeit. Die Ehrenamtlichen erwähnten, dass es bereits damit beginne, dass es nicht immer einfach sei herauszufinden, wer einsam sei. Darüber Kenntnis zu erlangen, sei auf dem Dorf aber oft einfacher, wo man sich gut kenne und nicht so viele Menschen lebten, man viele Kontakte und ein gutes Netzwerk habe.
Nicht nur über Herausforderungen, auch über gute Praxisideen wurde sich ausgetauscht. Wenn beispielsweise eine Person nur wenig gesprächig sei, könne ein Besuch auch anstrengend sein. Hier könnte es helfen, berichtete eine Teilnehmerin, wenn man zu zweit sei. Das könne auch den Stress des Gegenübers reduzieren und für eine angenehmere Gesprächsatmosphäre sorgen. Weitere Ideen waren das gemeinsame Zeitverbringen mit einem Hobby oder Interesse der zu besuchenden Person. Man könne zum Beispiel gemeinsam ein Fußballspiel schauen oder ein kleines Geschenk mitbringen, über das man ins Gespräch kommen könnte.
Mit dem Abend bekamen die Ehrenamtlichen neue Impulse und Gedanken mit für ihre Besuche.
Der Besuch von Gemeindegliedern
Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeitende der Kirchengemeinden im Evangelischen Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein besuchen Menschen in verschiedenen Lebenslagen, der Fokus wird dabei unterschiedlich gelegt. In vielen Kirchengemeinden wird der Geburtstag als Anlass für einen Besuch genommen, zumeist ab dem 80. oder 85. Lebensjahr. In der Evangelischen Kirchengemeinde Freudenberg übernimmt beispielsweise Pfarrer Thomas Ijewski gemeinsam mit der Gemeindeschwester die 85., 90. und 95. Geburtstage und die darüber hinaus und besucht die Jubilare. In der Kirchengemeinde Oberfischbach erstellt das Gemeindebüro eine Liste mit allen Gemeindegliedern über 80 Jahren, die anlässlich ihres Geburtstages besucht werden. Ein buntes Heft mit Versen, Geschichten und Grüßen von der Kirchengemeinde wird bei den Besuchen überbracht, dabei ergeben sich oft Gespräche. Nicht immer muss der Besuch mit einem besonderen Anlass verbunden werden, auch ältere, kranke oder einsame Menschen werden bedacht. Ein Beispiel: Im Bezirk Mudersbach/Niederschelderhütte der Emmaus-Kirchengemeinde Siegen besucht ein Team von zehn ehrenamtlichen Mitarbeitenden in der Adventszeit die Gemeindeglieder ab 85 Jahren. Im Bezirk Gosenbach werden die Menschen besucht, die das Haus nicht mehr verlassen können und damit nur noch wenig oder gar nicht mehr am gesellschaftlichen oder kirchengemeindlichen Leben teilnehmen können. Kranke Gemeindemitglieder werden beispielsweise von den Kirchengemeinde Trupbach-Seelbach besonders bedacht und auf Wunsch von Pfarrer Dr. Christian Schwark besucht. Einen Besuchsdienst für neu zugezogene Gemeindeglieder organisiert die Kirchengemeinde Rödgen-Wilnsdorf und heißt die Menschen persönlich willkommen.
Unterschiedlich organisiert
Ob der Besuchsdienst ehrenamtlich oder hauptamtlich organisiert wird, ist von Kirchengemeinde zu Kirchengemeinde verschieden. In der evangelischen Kirchengemeinde Birkelbach übernimmt die Besuche bei Seniorinnen und Senioren eine diakonische Gemeindemitarbeiterin. In der Kirchengemeinde Bad Berleburg werden ältere oder einsame Menschen zu Hause oder im Seniorenheim von Ehrenamtlichen, aber auch von einer diakonischen Gemeindemitarbeiterin besucht, die den Besuchsdienst auch organisiert. Dreimal im Jahr treffen sich alle Mitarbeitenden des Besuchsdienstes zum gemeinsamen Austausch und werden dabei von Pfarrerin Christine Liedtke unterstützt. Auch das ist vielen Kirchengemeinden wichtig: Neben dem Organisieren der Besuche soll es einen gemeinsamen Austausch im Team geben. In der Kirchengemeinde Erndtebrück trifft sich die Besuchsdienstgruppe, die aus fünf Ehrenamtlichen und Pfarrer Jaime Jung besteht, viermal im Jahr. Bei den Treffen wird darüber gesprochen, was bei den vergangenen Besuchen gelungen ist oder wo es Schwierigkeiten gab. Pfarrerin und Pfarrer begleiten nicht nur einige ehrenamtliche Gruppen, sondern übernehmen zum Teil auch selbst Besuchsdienste. Jung, der Gemeindepfarrer in Erndtebrück und Birkelbach ist, sagt, dass das manchmal auch ausdrücklich gewünscht sei und er das gerne übernehme, aber bei rund 4400 Gemeindegliedern seien die Kapazitäten begrenzt. Er und auch die Kirchengemeinde seien sehr dankbar, dass es eine Besuchsdienstgruppe gibt.
Viele Möglichkeiten für Begegnungen
Über die Besuchsdienste hinaus bieten die Kirchengemeinde unterschiedliche Angebote, um Anlässe zu feiern und Begegnungen zu ermöglichen. In einigen Kirchengemeinden werden zu gemeinsamen Geburtstagskaffeetrinken eingeladen. In der Kirchengemeinde Bad Berleburg finden dreimal jährlich Geburtstagskaffeetrinken statt für die Gemeindeglieder, die das 80. Lebensjahr erreicht haben. Dazu dürfen Begleitpersonen mitgebracht werden. Auch in Erndtebrück wird von der Kirchengemeinde mehrmals im Jahr ein Kaffeetrinken für die Geburtstagskinder ab 80 Jahren organisiert. Viermal im Jahr werden in der Kirchengemeinde Hilchenbach diejenigen, die 80 Jahre oder älter geworden sind, zu einem gemeinsamen Nachmittag mit Kaffee, Kuchen, Musik, Andacht und weiteren Programmpunkten eingeladen. Darüber hinaus wird die Adventszeit als Anlass genommen, um zu gemeinsamen Treffen einzuladen. Ursprünglich als ein Seniorenadvents-Kaffeetrinken gedacht, wurde nach der Corona-Pandemie in der Kirchengemeinde Oberholzklau ein Kaffeetrinken am Ersten Advent zu einem, der ein „Advent für alle“ wurde – und der weiterhin gerne von vielen Seniorinnen und Senioren besucht wird. Die Kirchengemeinde Birkelbach lädt neben einer Adventsfeier Seniorinnen und Senioren zu einem „Herbst-Brunch“ ein, der von Ehrenamtlichen organisiert wird.
Neben besonderen Veranstaltungen finden in den Kirchengemeinden regelmäßige Treffen statt, die Begegnungen ermöglichen: Seniorenkreise, Männerkreise, Frauentreffen, Nachmittagskreise, Spielenachmittage und vieles mehr. Im Gemeindehaus in Netphen findet beispielsweise jeden ersten Sonntag im Monat das „Sonntagscafé“ für einsame Menschen statt und in der Kreuzkirche und in der Friedenskirche der Kirchengemeinde um den Kindelsberg wird einmal im Monat zu einem Senioren-Frühstückstreff eingeladen.