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Serie „Unsere Kirchen“: Ein uralter Kirchhügel in Raumland birgt Geheimnisse

14.4.2026

© LWL-Archäologie für Westfalen/Wolfram Essling-Wintzer
Nach einer Sondierungsgrabung kommen Mauerreste zu Tage.

Dass die Kirchen in unserem Kirchenkreis wichtig sind, steht außer Frage. Was aber wenige wissen: Die Kirchen zwischen Siegen und Olpe, zwischen Winterberg, Bad Laasphe und Niederdresselndorf beherbergen auch das eine oder andere Geheimnis. Die Spurensuche, die in lockerer Reihenfolge fortgesetzt wird, beginnt in Raumland auf einem uralten Kirchhügel.

Dort steht Dr. Dirk Spornhauer, der Raumländer Pfarrer, im Chorraum der Kirche, in der er 25 Jahre lang gepredigt hat. Mit Freude zeigt er auf alten Putz, unter dem nach einer Restauration Szenen aus dem Leben Jesu hervorkamen. 

Größere Restaurierungen oder Sanierungen der in der Mitte des 13. Jahrhunderts errichteten westfälischen Hallenkirche fielen nicht in seine Amtszeit, wofür der aus Eisern stammende und zuvor in Neunkirchen tätige Pfarrer sehr dankbar ist: „Die Kirche atmet eine Tradition und Geschichte, mit der man sich beschäftigen muss. Das gehört alles nicht einer Generation. Das gehört allen davor und danach." 

© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein
Pfarrer Dr. Dirk Spornhauer ist begeistert von den geschichtlichen Details der Raumländer Kirche.

Dr. Dirk Spornhauer kommt mit Blick ins Kirchenschiff ins Schwärmen: „Das atmet hier alles noch sehr den romanischen Baustil. Das hier ist ursprünglich, wuchtig – so soll es ja auch sein.“

Und dann sind es auch die Feinheiten, die ihn faszinieren. Die Malereien, die Handwerker, die sich in der Kirche verewigt haben. Wie eben die Malereien im Chorraum. „Hier ist das Gewand Jesu, da sind die Füße und da sind die Fußabdrücke“ – Dirk Spornhauer kennt jedes der Bilder, die zu Zeiten an die Wand gemalt wurden, als die im 13. Jahrhundert errichtete Kirche noch katholisch war. Blasse Linien deuten weitere Teile des Bildes an. Die Wand, die ganze Kirche atmet die Geschichte auf diesem Hügel hoch über Odeborn und Eder.

Die Bildszenen aus dem Leben Jesu faszinieren – und sind doch nicht das Einzige, das den Pfarrer Spornhauer in seiner bisherigen 25-jährigen Zeit in Raumland so begeistert hat.

© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein
Blick auf freigelegte Wandgemälde aus vorreformatorischer Zeit.

Als 2010 die Kirchengemeinde in Raumland beschloss, in die altehrwürdige Kirche eine neue Heizungsanlage einzubauen, war nicht nur dem Raumländer Presbyterium klar: Wer auf diesem alten Hügel gräbt, wird auf über 1200 Jahre Raumländer Geschichte treffen. Schließlich wurde das damals Rumilingene genannte Dorf vor über zwölf Jahrhunderten erstmals erwähnt.

Schon die ersten Bauarbeiten in der Kirche fanden daher mit Begleitung von Archäologen statt. Es kamen Kindergräber im Chorraum zutage, sowie weitere an der Westwand. Leitungsgräben für die Nahwärmetrassen, die durch alte Gräberfelder außerhalb der Kirche angelegt wurden, legten 20 Gräber, deren Grabgruben und teilweise auch angeschnittene Bestattungen außerhalb der Kirche frei.

In Linie der bereits in der Kirche gefundenen Mauerreste wurden die Archäologen fündig. Die Grundmauer des Vorgängerbaus, einer Saalkirche, zog sich den kleinen Hügel oberhalb der Kirche hoch, wo heute noch historische Grabplatten stehen. Bei der Errichtung der Hallenkirche wurde dieser Vorgängerbau abgerissen.

© LWL-Archäologie für Westfalen/Michael Baales
Dr. Cichy während der Dokumentationsarbeiten im inneren der bestehenden Kirche.

Bemerkenswert: Der wiederentdeckte zweite Bau weist Mauerwerk auf, das mit Kalkmörtel zusammengehalten wird. Dirk Spornhauer: „Wir haben hier aber keinen Kalk. Also braucht man Arbeitskraft, Handelsbeziehungen und Wissen vor Ort. Das war also sicher keine Gründerkirche.“ Und: Die Kirche ist wohl bereits früher verstärkt und erweitert worden.

Bemerkenswert sei auch die Größe der Saalkirche: Die war mehr als doppelt so groß wie vergleichbare Kirchen in Girkhausen und Wingeshausen. Denn auch dort habe man Fundamente älterer Vorgängerbauten unter den bestehenden Kirchen gefunden, berichtet Dr. Dirk Spornhauer. Erbauliche 112 Quadratmeter Fläche zeugen von der Bedeutung der Raumländer Kirche als Urpfarre im oberen Edertal.

© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein
Blick auf die westliche Stützwand: Links davon lag das Kirchschiff des Vorgängerbaus, während die Fundamente des Chorraums der alten Saalkirche unter der bestehenden spätromanischen Hallenkirche zu finden sind.

Mögliche Reste einer dritten, einer möglichen Gründerkirche in Raumland kamen bei den Ausgrabungen ebenfalls zutage. „Es gibt eine alte Bausubstanz, die unter dem Fundament der beiden bekannten Kirchen liegt“, sagt Dr. Dirk Spornhauer. Dabei handelt es sich laut eines Aufsatzes von Wolfram Wintzer und Cornelia Knepp (LWL-Archäologie Olpe) um ein ungefähr 0,80 Meter starkes Fundament aus in Lehm versetzten Bruchsteinen. „Da es partiell unter die jüngere, vermörtelte Westmauer zog, musste es sich um den Rest einer älteren Bausubstanz handeln, die bei Errichtung des Saalbaues im späteren 11. Jahrhundert abgebrochen wurde“, berichten die Archäologen. Und weiter: „Die Art des Mauerwerks und seine Ausrichtung sprechen dafür, hierin das Fundament eines noch älteren, möglicherweise sogar in die christliche Missionsphase zu datierenden Gründungsbaues zu sehen.“

Die wohl fränkischen Bauherren erkannten auch früh die besondere Lage des Kirchhügels. Auch davon ist Dirk Spornhauer überzeugt. Die Eder kommt von Berghausen und biegt dann im 90-Grad-Bogen nach Raumland, gegenüber kommt die Odeborn. „Alle, die sich auskennen, sagen, dass der Zusammenschluss von zwei Flüssen etwas Besonderes ist. Es gibt rein topografisch kaum einen vergleichbaren Ort in ganz Wittgenstein.“

© Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein
Der Blick in die südwestfälische Hallenkirche aus dem 13. Jahrhundert lohnt sich. Hier der Blick in die dreischiffige Wandpfeilerhalle.

Es bleibt spannend: Ob die Mauern tatsächlich Teil des Gründungsbaus sind, könne nur durch eine weitere großflächige Ausgrabung bestimmt werden. Aber auch Dr. Dirk Spornhauer hält es für möglich, dass es sich bei der Mauer um Reste des Gründungsbaus aus karolingischer Zeit, dem 8. Jahrhundert, handelt. /cv 

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