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Karfreitag: "Ein Riss, der die Welt für immer veränderte"
8.4.2026

Mancherorts wird der Abgesang auf die Kirche angestimmt. Doch blickt man beispielsweise in die Gemeinden, ist reges Gemeindeleben sichtbar. Der Karfreitagsgottesdienst in Plittershagen bei Freudenberg ist so ein Beispiel. Das Vereinshaus ist dort fast bis zum letzten Platz gefüllt. Menschen aus der ganzen Region feiern Gottesdienst, stimmen zusammen Lieder an, hören ihren Posaunenchören zu und feiern gemeinsam Abendmahl.
Es ist eigentlich ein düsterer Tag, ein Tag, „der uns ganz anders berührt als andere Tage im Kirchenjahr. Die Texte sind ernst, die Liedverse fast ein bisschen düster. Wir werden mitgenommen an einen Ort, den wir eigentlich gerne meiden.“
Das sagt Superintendentin Kerstin Grünert, die an diesem Karfreitag gern den Weg auf sich nimmt, um ihren Kollegen zu vertreten. „Karfreitag fragt nach unserem Schmerz, nach unserer Schuld, nach dem, was wir nicht lösen können und was wir nicht verstehen. Der Tag führt uns an den Rand dessen, was wir aushalten möchten und manchmal auch darüber hinaus“, stellt die leitende Theologin fest.
Sie erinnert an prägende Eindrücke dieses Tages: Die Dornenkrone, der Spott der Soldaten, dass sie den Mantel zerteilt haben, dass Freunde zurückblieben.
„Zu diesem Tag wird uns auch ein Ereignis erzählt, das man leicht überliest, und doch gehört es zu den gewaltigsten Bildern, die die Bibel berichtet. Und siehe: Der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke, von oben bis unten. In dem Moment, als Jesus stirbt.“ Jahrelang habe sie den Karfreitag nur mit dem Tod Jesu verbunden, diesen Satz aber nie wahrgenommen, so Grünert. „Auf einmal bin ich darauf gestoßen – ein Vorhang, der zerreißt.“
Es sei ein Riss, ein Geräusch gewesen, das die Welt für immer veränderte. Ein Stück Stoff sei es, und doch unendlich mehr als das. Ein Raumtrenner, der theologisch – hoch aufgeladen - eine Grenze aus gewebter Heiligkeit war.
Denn dieser Vorhang hing vor dem Allerheiligsten des Tempels. Man glaubte: Dort sei Gottes unfassbare Gegenwart präsent. „Da war Gottes Gegenwart. Und weil Gottes Heiligkeit als etwas galt, dass kein Mensch ungeschützt ertragen konnte, war dieser Vorhang mehr als Dekoration.“ Er war Grenze zwischen göttlicher Vollkommenheit und menschlicher Unvollkommenheit, ein sichtbarer Hinweis auf die unsichtbare Distanz zwischen Gott und Mensch, so Grünert.
„Es war eine Grenze, die Menschen nicht überwinden konnten, die Menschen nicht einmal berühren konnten – bis zum Karfreitag.“
Sie erinnerte daran, dass die Passionsgeschichte auch davon erzählt, wie menschlich man selbst ist. „Wir alle haben Vorhänge in uns, Vorhänge aus Angst, die wir nicht eingestehen, Vorhänge aus Schuld, die wir nicht loswerden, Vorhänge aus Verletzungen, die wir nicht heilen können.“
Karfreitag zeige, dass die Distanz zwischen uns und Gott nicht nur eine theologische Auslegung ist. „Sie ist gelebte Erfahrung. Und genau in diesem Moment, dem traurigsten Zeitpunkt des Tages, zur neunten Stunde, um drei Uhr am Nachmittag, als Jesus stirbt, da geschieht etwas, dass alles verändert. Die theologische Landschaft, die Welt, wie sie war – der Vorhang reist mit einem Riss. Gott kommt heraus: In dem Moment, in dem Jesus stirbt, macht Gott sich zugänglich, er öffnet den Raum, den niemand betreten darf.“
Dieser Riss ereigne sich nicht in einem heiligen Ritual, sondern im Chaos einer römischen Hinrichtung. Am Kreuz stirbt Jesus, nicht geschützt, eingebettet in fromme Rituale, sondern draußen im Kalten, im Hohn und im Staub. „Gerade dort sagt Gott: Hier bin ich. Er begegnet uns auch im Chaos, im Unfertigen, im Zerbrechlichen.“
Superintendentin Kerstin Grünert betont: „Wenn wir die Welt nicht verstehen, wenn wir im Glauben zu kämpfen haben, dann geht Gott nicht auf Distanz, dann bleibt er, stumm vielleicht, unsichtbar vielleicht, vielleicht auch unspürbar, aber er ist da. Denn der Raum ist offen, der Vorhang ist zerrissen. Du musst dich nicht heilig machen, um zu Gott zu kommen, nicht stark, nicht perfekt. Denn Gott hat den ersten Schritt getan.“
Christian Völkel



