News
Unsere Kirchen: Warum die Nikolaikirche mehr als das Krönchen zu bieten hat
4.5.2026

Die Kirchen im Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein sind alle für sich etwas Besonderes. Keine gleicht der anderen, nicht selten verbergen die dicken Mauern Erstaunliches. Da macht auch eine die bekannte Nikolaikirche im Herzen Siegens keine Ausnahme.
Pfarrer Stefan König geht voran. Die steinerne Treppe führt Stufe für Stufe unter die Nikolaikirche. Wer in die verborgenen Winkel und Ecken der Nikolaikirche einen Blick werfen möchte, muss die Treppen abseits des großen Kirchenschiffs nutzen. Einige Stufen führen in eine ehemalige Gruft, eine andere Treppe folgt dem alten Turm der Nikolaikirche durch viele Jahrhunderte Geschichte – bis zum Krönchen, Siegens Wahrzeichen.

„Wir sind hier etwa unter dem alten Abendmahlstisch. Das hier ist ein Teil der alten Krypta. Aber hier lagern lange keine Gebeine mehr“, erläutert Stefan König, der seit 1998 in der Nikolai-Kirche predigt. Er steht in einem Kellerraum, der durch Metallstützen geteilt ist. Einst lagen hier auch die Angehörigen des Siegener Adels, doch das ist lange her. Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts verwandelten Bauarbeiten die Krypta in einen Kohlekeller.
Doch so ganz profan ist und bleibt der Keller nicht.
Denn unter seinen Fundamenten entspringt tatsächlich ein Bach, der sogenannte „Donzenbach“. Das Wasser tröpfelt eher aus dem Grundwasser der Siegener Altstadt, als dass es fließt. Nur wenn das Wasser im Quellbereich steigt, springt eine Schwimmpumpe an, die das überschüssige Wasser ganz profan in die Kanalisation befördert. Stefan König: „Es gibt Berichte, nach denen Menschen in der Oberstadt nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg an der Quelle ihr Trinkwasser holten.“

Die Kriegszeiten sind zum Glück lange her; doch der Zweite Weltkrieg prägt auch heute noch die Geschichte der Altstadt und damit auch der Nikolaikirche. „Das Kirchenschiff brannte nach einem Direkttreffer einer Brandbombe bis auf die Grundmauern nieder“, sagt Stefan König. Der Wiederaufbau war ein Kraftakt: 1954 wurde die Nikolaikirche wieder in Dienst genommen.
Zum Glück der Siegener blieb der Turm der Kirche stehen.
Den Grund findet man einige Treppenstufen aufwärts. So bestand Siegens damaliger Bürgermeister Alfred Fissmer in den 1930er Jahren auf den Einbau einer Brandschutztür zwischen Kirchenschiff und Turm. „Diese Tür hat den Turm letztlich gerettet“, weiß Stefan König, der beim 158 Stufen langen Aufstieg mehr Interessantes über seine Nikolaikirche erzählen kann.

Die schwer zugängliche Orgel verfügt über 4000 Pfeifen. 1955 durch die Firma Kemper aus Lübeck gebaut, ist sie wohl die größte ihrer Art in Südwestfalen.
Nicht minder berühmt sind die sechs Glocken, die zwischen dem Jahr 1300 (Stundenglocke) und dem Jahr 1947 (Jung-Stilling-Glocke) gegossen wurden.
Bemerkenswertes weiß Pfarrer Stefan König auch über das wiederaufgebaute Kirchenschiff zu erzählen, dessen Dach in seiner heutigen Form erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Über dem jetzigen Kirchenschiff halten heute zwei Tonnengewölbe die Kirchendecke. Vor dem Brand im Jahr 1945 hatte die Kirche ein Satteldach, das Siegens ältester Schule Raum bot. Die Schüler lernten dort nicht nur Latein. Bis 1806 erstiegen die Schüler die hochgelegenen Klassenräume über einen eigenen Treppenturm. „Erst danach zog man in die alten Marstallgebäude am Unteren Schloss um; im Anschluss entstand das Gymnasium am Löhrtor“, weiß der Siegener Pfarrer zu berichten.
Der Weg führt an den Glocken der Nikolaikirche vorbei an alten noch nicht restaurierten Gemälden einer Michaelskapelle.

Wer wissen möchte, wo echte Siegener Minuten verrinnen, wird in der Uhrenstube fündig. Die Evangelische Lukasgemeinde ist stolz auf das mechanische Laufwerk aus dem Jahr 1885. Einmal in der Woche muss Küster Stefan Kober den Turm erklimmen, um das mechanische Werk der Uhr aufzuziehen. „Das funktioniert immer noch. Die Steuerung erfolgt aber mit einem modernen, elektronischen Impuls“, sagt Stefan König, der zufrieden registriert, wie der Minutenzeiger am Gehäuse pünktlich weiterspringt.
Minuten, Stunden, Jahre: Der alte Turm steht wohl in dieser Form seit Anfang des 14. Jahrhunderts. Erbaut wurde die NikolaiKirche wohl bereits im 13. Jahrhundert. Architektonisch stellt die Nikolaikirche eine Besonderheit dar, da es sich bei ihr um das einzige romanische Hallenhexagon nördlich der Alpen handelt.
Der Name der Kirche leitet sich von dem Schutzpatron der Kirche, dem Heiligen Nikolaus, ab, der als Patron der Bürger und Kaufleute verehrt wurde. Und das Krönchen? Wie die Homepage der Siegener Lukas-Kirchengemeinde berichtet, machte 1658 Fürst Johann Moritz zu Nassau-Siegen das goldene Krönchen der Stadt als Geschenk, um seine Macht zu beweisen. Das Original hängt im Kirchenschiff, während die in den 1990er Jahren gefertigte edelstählerne Replik hoch über Siegen glänzt.

Ebenfalls ein echter Blickfang sind die nur wenige Meter unter dem Krönchen liegenden kleinen Zimmer. „Wir hatten hier tatsächlich bis 1905 eine Glöcknerwohnung. Der letzte Glöckner wohnte hier mit fünf Kindern und seiner Frau“, berichtet Stefan König. Heizung gab es zwar, doch Wasser musste die Stufen hinaufgetragen werden.
Der mangelnde Komfort der Glöcknerwohnung war womöglich beklagenswert – die Aussicht vom eisenbewehrten Balkon des „Krönchens“ ist es nicht. „Das beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue“, sagt Pfarrer Stefan König. Der Rundumblick über die südwestfälische Stadt kann sich in der Tat sehen lassen.
Wer möchte, kann bei einer Besichtigung die Kirche nebst Turm in Augenschein nehmen. Das ist zum Beispiel zum nächsten Tag des offenen Denkmals am 14. September möglich. Alternativ koordiniert Küster Stefan Kober, Mail: nikolaikuester@aol.de, die Termine. /cv

